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Die Stunde des Mutmachers

Serie: Bauern in Not Die Stunde des Mutmachers

Bis zu 20 Prozent der 4000 Milchviehbetriebe könnten finanziell nicht über den Sommer kommen, wenn der Milchpreis weiterhin unten bleibt, schätzt die Landwirtschaftskammer Schleswig-Holstein. „Landwirte sind stark verunsichert und holen sich verstärkt Hilfe von Außen“, sagt Dieter Thiesen.

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Dieter Thiesen (59) ist sozioökonomischer Berater an der Landwirtschaftskammer Schleswig-Holstein.

Quelle: Jan von Schmidt-Phiseldeck

Rendsburg. Der 59-jährige studierte Landwirt mit betriebswirtschaftlichem Schwerpunkt ist einer von fünf Beratern der Kammer, die spezielle sozio-ökonomische Hilfestellung geben, wenn ein Betrieb in finanzielle Not geraten ist. Zuständig ist Thiesen für Landwirte in der Region Schleswig/Flensburg und Nordfriesland – „hauptsächlich sind das hier aufgrund der leichten Böden Rinderhalter“, sagt er.

 Etwa 50 Landwirte berät Thiesen im Jahr, mit zunehmender Tendenz. Wenn er um Hilfe gebeten wird, versucht er zuerst, sich bei einem gemeinsamen Rundgang einen Überblick auf dem Hof zu verschaffen, um dort die Abläufe verstehen zu können. „Wir reden viel über menschliche Aspekte und Nöte, das fällt den Landwirten seit einigen Jahren leichter.“ Viele seien aufgrund finanzieller Nöte und mangelnder Perspektive bereits in psychologischer Behandlung. Die Ängste seien dann der Einstieg für eine betriebswirtschaftliche Bewertung. „Ich will die Landwirtsfamilien befähigen, selber Entscheidungen zu treffen“, sagt Thiesen. Durch das Zuhören und den respektvolle Umgang miteinander sei es oftmals einfacher, am Küchentisch Perspektiven zu diskutieren. Oftmals drückten hohe, ungeplante Überbrückungskredite oder Schulden beim Landhandel oder beim Tierarzt. „Viele Milchbauern versuchen zwar mit viel Fantasie, die Erzeugungskosten für Milch weiter zu drücken, aber da gibt es einfach Grenzen. Und viele Landwirte können auch nicht gut mit Zahlen umgehen“, sagt Thiesen. Nach dem Check der Jahresabschlüsse und den Liquiditätsberechnungen erhält der Landwirt ein Protokoll der Beratung. „Oftmals reicht das bereits aus, um eine Entscheidung herbeizuführen, manchmal bin ich dann als Berater bei Terminen mit Banken oder Landhandel als externe Hilfe dabei“, sagt Thiesen. 70 Euro kostet eine Beratungsstunde – diese Leistung zahlen die Betriebe selber, wenn sie noch zahlungsfähig sind.

 In vielen Fällen – die genaue Zahl hat Thiesen nicht dokumentiert – laufe es nach der Beratung auf eine Betriebsaufgabe heraus: „Das ist ein erheblicher Prozentsatz, vielen fällt die Entscheidung nach Abwägung aller Gründe nicht mehr schwer. Und von vielen fällt damit eine Last ab, die sie etwa als Traditionsbetrieb tragen.“ Grund für die Entscheidung sei auch, dass es für Landwirte derzeit relativ leicht sei, einen Job zu finden – sei es auf einem anderen Hof oder im gewerblichen Bereich. Dass diese Milchkrise noch lange anhält, glaubt Thiesen nicht: „Es gab immer gute und schlechte Zeiten, das wird auch dieses Mal so sein. Und es gab schon immer Gewinner und Verlierer in solchen Krisenzeiten.“ Der technische Fortschritt münde generell in höherer Arbeitsproduktivität: „Die bäuerlichen Betriebe werden größer, die kleineren werden vom Sockel gestoßen.“

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Ein Artikel von
Jan von Schmidt-Phiseldeck
Wirtschaftsredaktion

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