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Bauern in Not „Ich will den Karren nochmal rumreißen“
Bauern in Not „Ich will den Karren nochmal rumreißen“
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11:08 28.05.2016
Von Jan von Schmidt-Phiseldeck
Milchbauer Olaf Lindemann (45) drücken hohe Schulden. Auch seine Eltern, die auf dem Hof wohnen, wären von einer Schließung betroffen. Quelle: jan
Dannewerk

Mit fatalen Folgen: Weil der Weltmarktpreis für ein Kilogramm Milch seither abgestürzt ist, werden noch in diesem Jahr Hunderte Betriebe im Norden aufgeben müssen, prognostizierte jüngst Landwirtschaftsminister Robert Habeck. Einer von ihnen könnte Olaf Lindemann aus Dannewerk (Kreis Schleswig-Flensburg) sein.

 Mit seinen etwa 440 Rindern gehört der 45-Jährige zu den großen Betrieben im Land. Bereits in dritter Generation führt der Milchbauer den Hof direkt am Margarethenwall. Jetzt musste Lindemann beim Amtsgericht in Flensburg einen Antrag auf Insolvenz stellen, weil Zahlungen fällig wurden, die Liquidität aber fehlte. Als Sanierungsexperte und vorläufiger Verwalter wurde der Kieler Fachanwalt für Insolvenzrecht, Wilhelm Salim Khan Durani, eingesetzt, der sich zum Ziel gesetzt hat, bis Ende Juli einen Lösungsweg zu präsentieren. Derzeit ist er in Verhandlungen mit den drei Hauptgläubigern – der Hausbank, dem Landhandel und einem Lohnunternehmen. „Trotz des späten Zeitpunkts der Insolvenzanmeldung werde ich versuchen, den Betrieb fortzuführen, um so für die Gläubiger und den Landwirt die besten Lösungen zu finden“, sagt Durani.

 Begonnen hatte die Krise für Lindemann, der den Hof 1998 von seinem Vater übernommen hatte, bereits 2007 mit dem Kauf eines Melkroboters für 200000 Euro. Das teure Gerät fiel immer wieder aus, musste teuer repariert werden, gleichzeitig sank die Milchleistung seiner Kühe von 10000 auf bis zu 6000 Liter im Jahr. Mit der Investition in moderne Stallungen in den Jahren 2011 und 2012 verschärfte sich das Problem. „Der Beratungsring Nord und auch Fachpublikationen hatten mich zu dem Entschluss gebracht, nur noch auf das Standbein Milchproduktion zu setzen – da war noch am meisten zu verdienen“, sagt Lindemann.

 Doch weil die 100-prozentige Finanzierung des neuen Stalls auf einen Milchpreis von 34 Cent ausgelegt war, ging das Kalkül gründlich daneben – Lindemann erhielt nur noch 30 Cent pro Kilogramm: „Der Jahresabschluss sah schon bald nicht mehr toll aus, ich schob Außenstände von bis zu 80000 Euro vor mir her.“ Die Folge: Lindemann sparte am Personal, versuchte, die Milchleistung seiner Kühe weiter zu steigern, kaufte günstigeres Futter, überzog sein Kundenkonto beim Landhändler, verordnete sich selbst einen 17-Stunden-Arbeitstag. Genutzt hat das nichts: Derzeit erhält er zwar aufgrund seiner besonders guten Milchqualität von der Meierei Cremilk (Kappeln) einen Cent Bonus – mit 21,34 Cent lassen sich die Kosten nicht decken. Der Verkauf von Tieren ist ebenfalls unrentabel: Gab es vor zwei Jahren für eine Kuh noch 1500 Euro, sind es jetzt 500 Euro.

 „Wir haben ausreichend Zeit, derzeit ist der fortlaufende Betrieb gesichert“, sagt Insolvenzverwalter Durani. Ob eine Lösung zum Beispiel in einer Übernahme durch einen Investor, eine Beteiligung der Gläubiger oder einer Streckung der Zahlungsziele liegt, vermag der Fachanwalt noch nicht zu sagen: „Das werden jetzt die Verhandlungen zeigen.“ Für Lindemann steht außer Frage, dass sich sein eigenes Berufsbild aufgrund des Preisverfalls von Agrarprodukten grundlegend geändert hat: „Meinem elfjährigen Sohn würde ich nicht dazu raten, selber Landwirt zu werden. Und wenn der Milchpreis nicht bald wieder auf über 30 Cent steigt, gibt es in Schleswig-Holstein irgendwann keine Milchbauern mehr.“ Vom „Milchgipfel“ am kommenden Montag, zu dem Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt eingeladen hat, verspricht sich Lindemann wenig: „Solange so viel billige Milch in Europa produziert wird, können wir einfach aufgrund unserer teuren Standards nicht gegenhalten. Dennoch werde ich alles daran setzen, den Karren noch einmal herumzureißen.“

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