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Auf der Spur der Mülltaucher
CAU Kiel Jubiläum: 350 Jahre CAU Kiel

350 Jahre CAU Kiel Auf der Spur der Mülltaucher

Im Jubiläumsjahr auf Entdeckungstour an der Kieler Uni: Um ein ziemlich unsichtbares Phänomen geht es in unserer heutigen Folge. Maria Grewe, Studentin am Seminar für Europäische Ethnologie, hat sich auf die Spur von Mülltauchern begeben.

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Seitdem sie über Mülltaucher forscht, achtet Maria Grewe privat sehr auf regionale und frische Nahrungsmittel.

Quelle: Kristiane Backheuer

Kiel. Erst wenn es dunkel ist, beginnt ihr Einsatz. Auf dem Rücken den leeren Rucksack, die Taschenlampe griffbereit in der Jackentasche. Ihr Ziel: der nächste Supermarkt. In immer mehr Städten gibt es immer mehr Mülltaucher. Menschen, die sich in den Müllcontainern der Lebensmittelhändler auf die Suche begeben. Maria Grewe von der Kieler Uni hat sich an ihre Fersen geheftet und wäre fast selbst zu einer Mülltaucherin geworden. Nur fand sie zum Schluss noch eine bessere Lösung.

 Wenn die 28-jährige Kulturwissenschaftlerin von „ihren“ Mülltauchern erzählt, leuchten ihre Augen. „Das sind keineswegs nur arme oder bedürftige Menschen, die in den Müllcontainern suchen“, erzählt sie. „Die meisten wollen einfach ein Zeichen setzen gegen die Müllberge.“ Und das erscheint auch ihr dringend notwendig, weil über die Hälfte aller Lebensmittel im Müll landet. Schon als junges Mädchen hat sie gestört, dass ihre Eltern oft Lebensmittel, die nicht auf den Kompost passten, weggeschmissen haben. Seit zwei Jahren forscht sie auf dem Gebiet des „Containerns“ oder „Dumpster Divings“ – wie das Mülltauchen auch genannt wird. Ein Stipendium vom Collegium Philosophicum macht’s möglich. Noch in diesen Jahr hofft sie, Frau Doktor zu sein.

 Interviewpartner in der Szene fand sie übers Internet. „Foodsharing“, also das Teilen von Essen über die gleichnamige Internetplattform, war eines der Stichworte, das sie zu den Mülltauchern führte. Sie organisierte sich ein WG-Zimmer in Berlin, packte einen großen Koffer und schnupperte für zwei Monate Großstadtluft. „Das Mülltauchen ist ein ziemlich unsichtbares Phänomen. Man macht es nachts, es ist illegal, und man kann sich Anzeigen wegen Diebstahl und Hausfriedensbruch aufhalsen. Deshalb geht kein Mülltaucher damit hausieren“, erzählt Maria Grewe. Trotzdem gelang es ihr, mit etlichen von ihnen zu sprechen. Nicht nur in Berlin, sondern auch in Hamburg, wo sie immer wieder Tage und Wochenenden verbrachte.

 „Die meisten Leute, die ich interviewt habe, waren jung und sehr gebildet“, sagt sie. „Sie alle wollen ressourcenschonend leben. Klar, ihnen geht es auch ein bisschen ums Geld, aber vor allem wollen sie ein Zeichen gegen Verschwendung und die Wegwerfmentalität setzen.“ Außerdem stellte sie fest, dass alle Mülltaucher sehr bewusst mit Essen umgehen und beim Kochen sehr kreativ sind. Viele Mülltaucher seien Veganer oder Vegetarier. Und: „Was sie nachts an Geld für Lebensmittel sparen, geben die meisten tagsüber für Fairtrade- oder Bioprodukte aus“, berichtet Maria Grewe.

 Wie gut man in Kiel Mülltauchen kann, wollte sie eines Abends schließlich am eigenen Leib erfahren. Sie überredete eine Freundin mitzukommen, kleidete sich dunkel und wartete in der Nähe des Supermarkts, bis auch die letzten Reinigungskräfte die Räume verlassen hatten. „Mir schlug das Herz bis zum Hals“, erinnert sie sich. „Und dann ging bei den Containern auch noch der Bewegungsmelder an. Ich dachte nur, wenn wir erwischt werden, kann ich der Polizei ja schlecht erzählen, dass ich eine Arbeit darüber schreibe.“ Aber passiert ist nichts. Wie sie zuvor von ihren Interviewpartnern gehört hatte, kann man tatsächlich den Inhalt der Biotonnen einfach von der einen in die andere sortieren und dann verdorbenes Obst und Gemüse schnell von noch guten Sachen trennen.

 Mit einem Drei-Liter-Rotweinkarton und Spülmaschinen-Tabs, bei denen jeweils die Verpackungen ein wenig zerdrückt waren, zogen sie schließlich nach Hause. „Den Rotwein haben wir schließlich als Glühwein zum Wiederaufwärmen getrunken“, sagt sie lachend. Dass Maria Grewe nicht beim Mülltauchen auf den Geschmack gekommen ist, liegt am Internet. Denn dort entdeckte sie während ihrer Forschungen einen offiziellen Weg, an kaputte, zerdrückte oder abgelaufene Waren zu kommen: die „Lebensmittelretter“. Eine bundesweite Vereinigung von Menschen, die offiziell von Supermärkten abholen, was sonst weggeschmissen worden wäre. Sie retten nicht aus, sondern vor den Mülltonnen. „Inzwischen gibt es 134 freiwillige Retter in Kiel“, berichtet sie. 32 Lebensmittelläden in der Stadt machen als Kooperationspartner mit.

 Als Konkurrenz zur Tafel empfinden sich die Lebensmittelretter nicht. „Sie sind eher eine Ergänzung. Denn sie nehmen auch verarbeitete oder abgelaufene Sachen, auch Kleinstmengen, und sind flexibler.“ Zerdrückte Kekspackungen lässt Maria Grewe nun seelenruhig im Laden liegen. „Früher hab ich die immer gekauft, weil ich wusste, dass sie sonst im Müll landen.“ Mit ihrer Doktorarbeit möchte sie das Bewusstsein für den Wert von Dingen schärfen. Ganz nebenbei beleuchtet sie nämlich noch zwei weitere Themen: Reparaturcafés und Kleidertauschbörsen. Denn kaputte Elektrogeräte und abgelegte Kleidung müssen nicht zwangsläufig weggeschmissen werden.

 In 14 Tagen lesen Sie, wieso ein Sportwissenschaftler im Bewegungslabor auch mit Kühen, Laubbläsern und Feuerwehrhelmen zu tun hat.

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Ein Artikel von
Kristiane Backheuer
Lokalredaktion Kiel/SH

Fotostrecke: Kluge Köpfe der CAU