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Der Forscher ist ständig in Bewegung
CAU Kiel Jubiläum: 350 Jahre CAU Kiel

Triathlet Kratzenstein hat viele „Kunden“ Der Forscher ist ständig in Bewegung

Jubiläumsjahr auf Entdeckungstour an der Uni: Diesmal geht es um das Prinzip von noch schneller, noch höher, noch weiter. Im Labor von Dr. Stefan Kratzenstein am Institut für Sportwissenschaft dreht sich alles um die perfekte Bewegung.

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Stefan Kratzenstein auf dem Rad-Ergometer: Im Uni-Bewegungslabor analysiert der Forscher, wie die Muskeln arbeiten, wie sich der Körper bewegt und wo es nicht rund läuft.

Quelle: Frank Peter

Kiel. Mithilfe von vielen kleinen Kameras, handlichen Mini-Saugnäpfen, Monitoren und unzähligen Kabeln schafft es der 35-jährige Wissenschaftler, in den Menschen zu gucken. Er sieht, wie die Muskeln arbeiten, wie sich der Körper bewegt und wo es nicht rund läuft. Seit 2009 ist er an der CAU so etwas wie der Heilsbringer der Leistungssportler und der Verletzten. Doch auch Kühe, Laubbläser und Feuerwehrhelme spielen in seinem Forscherleben eine Rolle.

 In dem kleinen Labor der Kieler Uni fließen fast täglich unzählige Schweißtropfen. Da sitzen Studierende auf dem Rad-Ergometer und lernen etwas über Ausdauer und Muskelarbeit. Dozenten üben mit ihrem Kurs den richtigen Golfabschlag. Und da kommen THW-Handballer, Kieler Triathleten oder Bernd Jeffrey, Deutschlands Handbike-Ass, um an ihrer Leistung zu feilen. „Aber eigentlich ist mit unserer Technik alles möglich“, sagt Stefan Kratzenstein und grinst. „Vor einiger Zeit durften wir dem Institut für Tierzucht helfen. Die wollten wissen, ob man das Lahmen bei Kühen frühzeitig erkennen kann.“ Also schnappte sich der Wissenschaftler seine Ausrüstung und zwei Mitarbeiter und fuhr auf einen Bauernhof in der Nähe von Aukrug. Dort stellte er fest, dass Kühe nicht ganz so geduldig sind wie Menschen. Geklappt hat die Bewegungsanalyse der Vierfüßler aber trotzdem, auch wenn Kratzenstein anschließend ordentlich nach Kuhstall roch.

 Gestört hat ihn der Geruch nicht, denn Stefan Kratzenstein stammt selbst vom Land. „Ich bin in Krottorf, einem 400-Einwohner-Nest in der Nähe von Magdeburg, aufgewachsen“, erzählt er. „Mein Vater und unsere Vorfahren hatten immer mit Landwirtschaft zu tun.“ So lernte er auch zunächst nach der Schule Landmaschinenmechaniker. „Sport hatte mich bis dahin nicht so interessiert“, erinnert er sich. „Ich hab’ zwar Fußball gespielt wie alle bei uns, aber mehr Sportarten kannte ich eigentlich nicht.“ Doch das sollte sich ändern. Bei der Bundeswehr nahm ihn ein Freund mit zum Laufen. Irgendwann folgte der erste Triathlon. „Damals war ich noch ziemlich unbedarft“, sagt er. „Beim Radfahren hab’ ich mir gleich einen Platten gefahren und musste aufgeben. Denn an Flickzeug hatte ich da noch nicht gedacht.“

 Doch der Sportvirus hatte ihn befallen. Nach knapp zwei Jahren in seinem Beruf fing er an zu studieren. Er wollte mehr wissen über Ausdauer, Muskeln und Kraft. An der Uni Magdeburg belegte er das Fach Sport und Technik. Und von da an ging er immer wieder selbst an seine Grenzen. In 19 Stunden fuhr er mit dem Rad in einem Rutsch durch Halbnorwegen – 540 Kilometer von Trondheim nach Oslo. „Danach war ich fix und fertig“, gesteht er. Unzählige Triathlon-Starts folgten. Vier Jahre verbrachte er in Berlin, lernte dort seine Frau Claudia kennen (übrigens auch eine Triathletin), bis er dann 2009 nach Kiel kam und Leiter des Bewegungslabors wurde.

 Seitdem ist er eigentlich immer in Bewegung. Ein typischer Tag von ihm sieht so aus: Morgens um 5 Uhr geht er laufen, fährt anschließend die beiden Töchter Wanda (5) und Blanka (2) im Fahrradanhänger zum Uni-Kindergarten (bis vor Kurzem noch aus Meimersdorf), geht mittags schwimmen und trifft sich abends mit seinem Triathlon Team vom USC Kiel. „Am Wochenende haben wir eine Schwimmhalle in Neumünster gebucht“, erzählt er, „da werden wir 100 mal 100 Meter schwimmen. Es bringt einfach Spaß, sich mit anderen zu vergleichen und an seine Grenzen zu gehen.“

 Da er weiß, wovon er spricht, vertrauen ihm immer mehr Fachleute aus anderen Bereichen. Ärzte holen sich Tipps über Hüftbelastungen beim Sport, Lehrer informieren sich über die perfekte Technik eines Aufschwungs am Reck, ein Kieler Spezialgeschäft für Läufer ließ bei ihm Laufschuhe in Hinblick auf die Muskelaktivität testen, und sogar eine Firma für Feuerwehrhelme klingelte bei ihm an. „Wir sollten messen, wie schnell die Nackenmuskulatur bei unterschiedlichen Helmtypen ermüdet“, erzählt der Forscher.

Ein ungewöhnlicher Anruf kam auch von einem Hersteller von Laubbläsern. Wie muss der Laubbläser am Körper festgezurrt werden, damit man nicht so schnell ermüdet?, lautete die Fragestellung. „Zu der Zeit sah ich plötzlich überall Laubbläser“, erinnert sich Stefan Kratzenstein schmunzelnd. „Und habe im Kopf ununterbrochen die Arbeitsweise der Arbeiter und des Gerätes analysiert.“

 Sein aktuelles Projekt beschäftigt sich mit der Frage, was Ermüdung ist und wie man Ermüdung in all ihren Facetten abbilden kann. „Dafür kann ich mich richtig begeistern, weil ich das oft selbst erlebe.“ Aber was heißt es, müde zu sein? Warum empfinden wir Bewegung als anstrengend? Vieles wurde dazu bereits untersucht, doch im Detail sind immer noch viele Fragen zu klären. Dafür notiert er dann schon mal nachts im Halbschlaf eine Formulierung und zerbricht sich beim Laufen, Schwimmen und Radfahren immer wieder den Kopf darüber, welche Faktoren zur Ermüdung beitragen. Irgendwann einmal hofft er, das Thema verstehen zu können. Aber bis dahin werden noch so einige Schweißtropfen fließen.

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Ein Artikel von
Kristiane Backheuer
Lokalredaktion Kiel/SH

Fotostrecke: Kluge Köpfe der CAU