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CAU Kiel 350 Jahre Die wunderbare Kraft der Neugierde
CAU Kiel 350 Jahre Die wunderbare Kraft der Neugierde
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00:21 04.02.2015
Von Kristiane Backheuer
Fängt Insekten noch immer schneller als die jungen Studenten: Zoologie-Professor Stanislav Gorb von der Kieler Uni. Mit Leidenschaft ist der Wissenschaftler den Geheimnissen der Natur auf der Spur und entdeckte so beispielsweise, warum Marienkäfer-Männchen ohne Beinhaare keinen Sex haben könnten. Quelle: Frank Peter

Wenn Marienkäfer Sex haben wollen, müsste das eigentlich ein ziemlich schwieriges Unterfangen sein. Die schwarze platte Unterseite der Krabbelviecher bietet sich nicht gerade zum Ankuscheln an. Und wie soll sich das Männchen an den glatten roten Deckflügeln mit den schwarzen Punkten festhalten, wenn es von hinten beim Weibchen aufsteigen will? Als Stanislav Gorb noch ein kleiner Junge war, hat er oft im Gras gelegen und voller Faszination Marienkäfer beobachtet. „Wie machen die das nur, dass sie nicht runterrutschen?“, hat er sich damals staunend gefragt. Inzwischen – mehr als 40 Jahre später – hat er dieses Geheimnis der Natur schon längst gelüftet und ist mit seinen Entdeckungen bei der Industrie heißbegehrt.

 Prof. Stanislav Gorb ist Zoologe aus Leidenschaft. In der zehnten Etage des Biohochhauses der Kieler Uni sitzen er und sein Team an allen möglichen kniffeligen Fragen der Natur. Dabei helfen Mikroskope und Messeinrichtungen im Wert von mehreren Einfamilienhäusern. Bei den Marienkäfern fanden die Wissenschaftler schnell heraus, dass die Männchen ganz andere Haare an den Beinen haben als die Weibchen. Bei extremer Vergrößerung erkannten die Forscher an jeder Haarspitze die Form eines Pilzes. „Damit können sie an glatten Oberflächen perfekt haften“, sagt Prof. Stanislav Gorb. Mit Materialwissenschaftlern und Ingenieuren zusammen entwickelten sie eine Folie mit genau diesen Eigenschaften. Schmunzelnd führt der Professor seine Plastik-Insekten vor, die bei ihm im Büro an der Tür „hochlaufen“ oder kopfüber seine Lampe „bekrabbeln“. „Schon ein Ministück dieses Materials reicht, und die Figuren sitzen bombenfest.“

 Weltweit bitten Wissenschaftler das Kieler Team inzwischen um Hilfe. „Wir sind noch ziemliche Exoten“, sagt Prof. Stanislav Gorb. In der Raumfahrt, der Autoindustrie oder in der Verpackungsbranche sind die Ergebnisse der Kieler Oberflächenforschung von Interesse. Täglich erreichen den Wissenschaftler E-Mails aus allen Teilen der Welt. So wollen beispielsweise chinesische Luftfahrtingenieure wissen, wie die Schuppen einer Haifischhaut dreidimensional aufgebaut sind, um sie dann per 3-D-Drucker zu rekonstruieren und an ein Flugzeug zu kleben, um Reibung zu verringern. „An erster Stelle steht bei mir aber immer die Biologie“, sagt Gorb. „Meine erste Frage ist immer: Wie funktioniert das? Und erst danach kommt: Was kann man damit machen? Forschung kann man nicht planen. Sie entsteht aus Neugier.“

 Aufgewachsen in der Ukraine streifte er schon als kleiner Junge immer wieder durch die Natur. „Eigentlich war ich ein ziemlich einsames Kind“, denkt der jetzt 49-Jährige zurück. „Nicht, dass ich keine Freunde hätte. Im Nullkommanichts hatte ich immer schnell eine Mannschaft zum Libellenfangen zusammen. Aber Fußballspielen und so was interessierte mich nicht.“ In seiner Doktorarbeit behandelte er die Frage, wie Libellen es schaffen, einen so großen Kopf sicher zu halten. „Eine Art Klettverschluss macht’s möglich“, erklärt der Wissenschaftler.

 Während des Studiums in der Ukraine lernte er seine Frau Elena kennen. Gemeinsam saßen sie stundenlang vor Ameisenhügeln. Denn sie erforschte als Botanikerin gerade Veilchen. Die Blume kann Erstaunliches: Um ihre Samen zu verteilen, sondert sie tierische Duftstoffe ab, die Ameisen anlocken. Und die sorgen für die Ausbreitung. Ein Stipendium verschlug ihn dann nach Wien. Er gewann zwei Wettbewerbe und bekam die nötigen finanziellen Mittel, um insgesamt sieben Jahre in Tübingen zu forschen. „Ein Glücksfall“, freut er sich noch heute. Seine Frau und seine inzwischen geborene Tochter blieben immer an seiner Seite. Nach Stationen in Jena und Stuttgart kam er 2008 an die Förde und führt seitdem die Abteilung „Funktionelle Morphologie und Biomechanik“.

 „Eigentlich hatte ich mir hier in Kiel vorgenommen, mindestens einen Tag die Woche im Labor selbst zu arbeiten“, sagt er nachdenklich. Aber es habe nicht geklappt. „Trotzdem fange ich noch jedes Insekt schneller als die jungen Studenten“, fügt er lachend hinzu. Und erzählt im nächsten Atemzug auch schon von Pflanzen, die Insekten eine ganze Nacht lang in ihrer Blüte gefangen halten und dann morgens gut bestäubt wieder freilassen. Oder von seinem prall gefüllten Ordner gleich hinter ihm, in dem Themen stehen, die noch dringend erforscht werden müssen. „Ich bin glücklich mit mir, meiner Familie, meiner Arbeitsgruppe und der Natur“, sagt er, „es gibt noch viel zu entdecken!“

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