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Die Fortpflanzung ist ein weites Feld
CAU Kiel Jubiläum: 350 Jahre CAU Kiel

Serie: "Wer forscht denn da?" Die Fortpflanzung ist ein weites Feld

Im Jubiläumsjahr auf Entdeckungstour an der Kieler Uni: Heute nehmen wir Sie mit auf eine Reise in vielleicht ganz neue Gedankenwelten. Wir treffen uns mit der Soziologin Dr. Daniela Heitzmann, die etwas genauer auf das Thema Fortpflanzung geschaut hat. Dabei stellte sie fest, dass erstens viele transportierte Bilder überhaupt nicht stimmen und dass sich zweitens die Soziologie bisher nicht mit dem Thema beschäftigt hat.

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Als Geschlechterforscherin braucht’s Humor: Daniela Heitzmann hat ihre Doktorarbeit zum Thema Fortpflanzung geschrieben. „Was Sie schon immer über Sex wissen wollten“, erfahren Sie aber eher im Film von und mit Woody Allen.

Quelle: Ulf Dahl

Kiel. Letzteres hat die Forscherin besonders verwundert, gilt doch die Fortpflanzung als wichtigste Begründung für die Arbeitsteilung der Geschlechter – also die Frau als fürsorgende Mutter und der Mann als Familienernährer. Mit ihrer Doktorarbeit hat sie einen Blick hinter die Kulissen geworfen und den Zusammenhang von Geschlecht und Fortpflanzung untersucht.

 In dem hellen Büro der Wissenschaftlerin lassen gleich mehrere Postkarten an Wand und Tür den Besucher schmunzeln. „Wenn ihr mich sucht, ihr findet mich im Zwiespalt“ steht auf einer Karte, daneben: „Heute wegen gestern geschlossen.“ „Zweites Zuhause“ prangt am Bücherregal. „Das waren quasi die Mottokarten für meine Promotionsphase“, sagt Daniela Heitzmann lachend. Links an der Pinwand hängt eine Karte mit gezeichneten Spermien, die sich in Massen fröhlich auf den Weg machen, wobei das erste Spermium siegessicher grinst. Und da sind wir auch schon beim Thema. „In medizinischen Lehrbüchern, Aufklärungsheften und Filmen kämpft sich immer ein Spermium durch und erobert die Eizelle“, sagt die 32-Jährige. „Aber die Prozesse im Körper sind wesentlich komplexer.“ So hätte der weibliche Genitaltrakt einen großen Einfluss auf den Transport der Spermien, und auch die Eizelle warte nicht nur darauf, befruchtet zu werden. Aber nicht nur in solchen Beschreibungen spiegele sich die Arbeitsteilung der Geschlechter wider.

 „Wirft man einen Blick auf den demografischen Krisendiskurs oder die Debatten um Eltern- und Betreuungsgeld, findet man ein ähnliches Bild. Sie kreisen um die Gebär(un)willigkeit der Frau“, sagt die Soziologin. Und tatsächlich würden auch alle statistischen Kennzahlen nur die Gebärtätigkeit von Frauen messen. Fortpflanzung erscheint als reine Frauensache, begründet durch die biologischen Prozesse der Schwangerschaft und Geburt.

 „Bis zu meinem Studium hatte ich mit Feminismus nichts am Hut“, erzählt sie. „Ich dachte immer, das betrifft mich nicht.“ Aufgewachsen in Eisenach in Thüringen startete sie das Soziologiestudium zunächst in Gießen und wechselte nach einem Jahr nach Dresden. Sie wollte damals mehr über die Hintergründe des Holocaust erfahren. „Ich habe als Schülerin nicht verstanden, wie so viele Menschen so viele andere Menschen systematisch umbringen konnten. Wieso lässt eine moderne Gesellschaft so etwas zu?“ Doch das Studium eröffnete ihr noch ganz andere Fragen und Themen. Besonders hatten es ihr die verschiedenen soziologischen Theorien angetan.

 Sie besuchte immer wieder Seminare, die sich mit Geschlechterfragen beschäftigten, und fand so langsam zu ihrem heutigen Forschungsschwerpunkt. „Fast am Ende des Studiums hörte ich von der UN-Strategie des ,Gender-Mainstreaming' und war beeindruckt, dass eine internationale Organisation bereits in den 1990ern eine Politik für mehr Geschlechter-Gerechtigkeit eingeführt hatte“, sagt Daniela Heitzmann. „Und da fing ich an nachzugucken, was die Soziologie zu diesem Thema sagt. Aber da war nichts.“ Ihr Fach interessierte sich offenbar nicht sonderlich für die Geschlechterthematik. Und dabei wurde ihr auch bewusst, dass sie nur Theorien gelernt hatte, die von weißen Männern geschrieben wurden. „Frauen in der Geschichte der Soziologie schien es nicht zu geben.“

 Sie suchte sich eine Mentorin zum Thema Geschlechterforschung in Berlin, engagierte sich an der Uni im Gleichstellungsbereich und bekam 2008 für ihre Diplomarbeit zum Thema Genderprofessuren an deutschen Unis den Marianne-Menzzer-Preis in Sachsen. Seit 2010 ist sie wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Kieler Uni für das Fachgebiet „Gender & Diversity Studies“ – für Geschlechterforschung und gesellschaftliche Ungleichheitsverhältnisse. Sie befasst sich damit, wie Menschen zu Frauen und Männern gemacht werden und wie die Einteilung in weiblich und männlich etwa auf Dinge wie Farben, Berufe und Körperzellen übertragen wird – rosa und hellblau, Sekretärin und Bauarbeiter, Eizelle und Spermium. „Diese Zuschreibungen haben oft weitreichende gesellschaftliche Folgen. So werden Menschen bestimmte Fähigkeiten und Fertigkeiten abgesprochen und damit ihre Handlungsspielräume eingeschränkt.“

 2014 wurde sie mit dem Genderforschungspreis an der Kieler Uni ausgezeichnet. Ein Buch über Soziologinnen möchte sie irgendwann noch mal herausgeben. Und sie hofft, noch lange in Kiel bleiben zu können. „Die Wassernähe ist einfach traumhaft, und forschen macht schon echt Spaß“, sagt sie, und ihre braunen Augen strahlen. „Es ist schon ein Luxus, einen Job zu haben, in dem ich so viel lesen, tiefer in Themen einsteigen und mir die Welt erschließen darf.“ Heute Abend wird sie wieder die Joggingschuhe schnüren und an der Forstbaumschule ihre Runden drehen. Da bekommt sie den Kopf frei für neue Ideen. Mal sehen, was sie als Nächstes erforscht.

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Ein Artikel von
Kristiane Backheuer
Lokalredaktion Kiel/SH

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