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Wendy Vanselow will die Friesen verstehen
CAU Kiel Jubiläum: 350 Jahre CAU Kiel

Serie: Wer forscht denn da Wendy Vanselow will die Friesen verstehen

Im Jubiläumsjahr auf Entdeckungstour an der Kieler Uni: „Hartelk welkimen bi a fresken uun Kil.“ Wer nach Nordfriesland fährt, erlebt sprachlich eine eigene Welt. Viele Menschen unterhalten sich dort noch in der Sprache ihrer Vorfahren. Und da versteht der Laie oft rein gar nichts. Anders Dr. Wendy Vanselow.

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Nicht ganz Nordfriesland, aber zumindest dicht dran: Dr. Wendy Vanselow vor dem „Walfängerhaus“ des Sylter Kapitäns Lorens de Hahn im Freilichtmuseum Molfsee. Die 31-Jährige erforscht die Sprachen der Friesen.

Quelle: Sven Janssen

Kiel. Bei der Wissenschaftlerin der Abteilung für Frisistik stehen die Friesen und ihre Sprache im Rampenlicht: „Herzlich willkommen bei den Friesen in Kiel.“

Frisistik in Kiel ist einzigartig

Die Abteilung in Kiel ist ziemlich einzigartig und ziemlich klein. Nirgendwo sonst in Deutschland kann man Frisistik als eigenes Fach studieren. „Als ich mit dem Studium anfing, war ich ganz allein in meinem Jahrgang“, erinnert sich Wendy Vanselow lachend. Insgesamt gebe es nur etwa 40 Studenten, die Frisistik als eines ihrer zwei Bachelorfächer oder als Ergänzungsfach zum Lehramtsstudium gewählt haben. „Wir sitzen nicht in einem großen Hörsaal, sondern meist in unserer eigenen Bibliothek. Bei uns wird keiner übersehen und jeder, der möchte, kann sich aktiv in die Wissenschaft einbringen, selber Vorträge halten oder Artikel schreiben. Und genau das macht den Charme des Faches aus“, sagt die 31-Jährige.

Spontane Entscheidung ihres Lebens

Anfangs stand für Wendy Vanselow nur fest, dass sie Literatur- und Medienwissenschaft auf Magister studieren wollte. Weil auch die beiden Wunsch-Nebenfächer zulassungsbeschränkt waren, musste sie sich beim Einschreiben im großen Uni-Hochhaus spontan entscheiden. „Hinter mir war eine lange Schlange, und ich sollte beim Blick auf die Fächerliste ganz schnell eine Wahl treffen“, erzählt sie. „Frisistik hörte sich witzig an, und schon war ich eingeschrieben.“ Dass sie später in dem Fach aufgehen sollte, ahnte sie noch nicht.

„Schon als Kind war ich mit meinem Eltern immer wieder im Urlaub auf Amrum“, sagt die Frau, die in Kisdorf (Kreis Segeberg) aufgewachsen ist. Während des Studiums wurde das Nebenfach immer wichtiger. Sie tauchte ein in die Welt der friesischen Dialekte und unterschiedlichsten Wortschätze, die schon von Dorf zu Dorf variieren können. Sie lernte, dass nur auf Sylt und Helgoland noch Großschreibung besteht, sonst ausschließlich klein geschrieben wird. Sie befasste sich mit Buchstaben, die es etwa nur auf Sylt gibt, mit Lautentwicklungen und sprachsoziologischen Fragen. „Auf Föhr wird das Friesische noch relativ häufig weitergegeben“, sagt Vanselow. „Sogar Zugezogene lernen es teilweise, und die Kinder haben Friesisch im Kindergarten und in der Schule. Hier lebt die Sprache noch.“ Auf Sylt etwa sehe das anders aus.

Rund 9000 Sprecher in Nordfriesland

Um noch tiefer in die Sprache einzutauchen, machte sie ein Praktikum in einem Geschäft von Jens Quedens, einem der bekanntesten Amrumer Friesen. Zudem arbeitete sie in Bredstedt als Sprachlektorin beim Nordfriisk Instiuut, das gerade sein 50-jähriges Bestehen gefeiert hat, und wechselte nach der Doktorarbeit über das „Eigene und das Fremde“ in der deutschen Literatur zwischen ca. 1850 und 1945 zurück an die CAU. Verstehen kann sie inzwischen alle friesischen Sprachen, sie spricht aber hauptsächlich die Sprache von Amrum. Seit 2013 ist sie Wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Frisistik und genießt die Zeit mit den Studierenden.

Gerade hat sie sich mit der Autorin Namine Witt (1843-1930) beschäftigt, deren handschriftliche Texte im Rahmen eines Projektes von einer Studentin auf Föhr digitalisiert wurden. „Wie es bei so vielen anderen weiblichen Autorinnen der Fall ist, steht auch ihr Werk immer ein wenig im Schatten des männlichen Schaffens.“

In Nordfriesland sprechen rund 8000 bis 10000 Menschen Friesisch. „So ganz genaue Zahlen hat man leider nicht.“ Während des Studiums geht es auch um das Saterfriesische im Saterland (westlich von Oldenburg) mit etwa 2000 Sprechern und um das Westfriesische in den nördlichen Niederlanden mit etwa 300000 Sprechern. „Das Friesische ist eine eigene westgermanische Sprache neben anderen wie dem Englischen, Deutschen, Niederländischen und Niederdeutschen. Die Sprache wurde im Mittelalter entlang der Nordseeküste gesprochen“, erklärt Vanselow. Das Friesische wird an der CAU wie andere Sprachenfächer erforscht und gelehrt, mit Sprachkursen, Übungen, Seminaren und Vorlesungen zu Sprach- und Literaturwissenschaft und mit Exkursionen in die Frieslande beziehungsweise zu Frisistik-Tagungen und anderen Veranstaltungen.

Nordfriesland-Krimins heiß begehrt

Zur Forschungstätigkeit von Wendy Vanselow und dem Leiter der Abteilung, Prof. Dr. Jarich Hoekstra, gehören auch Vorträge, nicht nur in Nordfriesland oder an deutschen Unis, sondern auch im Ausland. Vanselow ist dabei vor allem für die Literatur zuständig. Einer ihrer letzten Vorträge handelte von Regionalkrimis. Immer mehr Nordfriesland-Krimis erobern den Buchmarkt. Sie heißen „Austernmörder“, „Biikebrennen“ oder „Rote Grütze mit Schuss“.

Beim Lesen taucht man in weite Landschaften, in Dorfidylle und in die Welt der wortkargen Friesen ein. „Die Bücher lesen sich teilweise wie Referate über Nordfriesland. Es mangelt nicht an Stereotypen.“ Nordfriesland werde meist als unberührt, ursprünglich und traditionell dargestellt, als „verschlafene“ Region – deren Ordnung durch eine Bedrohung von außen, von Mafia, Terrorismus oder dem „Lackmeier“ aus Hamburg gestört, im Laufe der Ermittlungen aber wieder hergestellt wird.

Wenn sie wieder einmal mit ihrem Freund und Windhundmischling Nana im Wohnwagen Urlaub auf Amrum macht, bestätigt sich das ein oder andere Klischee: „Ja, Sturköpfe sind die Friesen manchmal“, sagt sie, „aber das ist oft gut so. Sonst gäbe es hier auf der Insel schon längst ein McDonalds.“

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Ein Artikel von
Kristiane Backheuer
Lokalredaktion Kiel/SH

Fotostrecke: Kluge Köpfe der CAU
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Friesischer Radiosender
Foto: Kultiviert werden die alten Trachten und Bräuche der Friesen immer noch – vor allem auf den nordfriesischen Inseln Sylt, Amrum (Foto) und Föhr sowie auf dem Festland in der Region um Risum-Lindholm.

Seit fünf Jahren erreicht er seine Hörer auf Friesisch: Der FriiskFunk hat am Donnerstag in Alkersum auf Föhr sein Jubiläum gefeiert. Ministerpräsident Torsten Albig (SPD) gratulierte: „Eine Sprache bleibt nur dann lebendig, wenn wir ihr tagtäglich im wirklichen Leben begegnen: auf dem Marktplatz, in der Kneipe oder in den Medien.

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