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Spezialist für menschliche Abgründe
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Serie "Wer forscht denn da" Spezialist für menschliche Abgründe

Im Jubiläumsjahr auf Entdeckungstour an der Kieler Uni: In unserer heutigen Serienfolge haben wir bei einem Mann an die Tür geklopft, der versucht, in die Köpfe von jungen Straftätern zu schauen. Dr. Lars Riesner ist Kriminalpsychologe. Anhand von Jugendamtsakten ist er auf der Spur nach den Ursachen von Kriminalität. Immer mit dem Ziel, künftige Straftaten zu verhindern.

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Dr. Lars Riesner (31), Kriminalpsychologe an der Kieler Uni, versucht, in die Köpfe junger Straftätern zu gucken. Das Bild von ihm – wie frisch nach der Verhaftung auf der Polizeiwache aufgenommen – entstand für eine Abschiedscollage für seinen früheren Chef und Doktorvater Prof. Thomas Bliesener, der die Leitung des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen übernommen hat.

Quelle: privat

Kiel. Lars Riesner hat ein freundliches, helles Büro am Ende der Olshausenstraße. Wenn der 31-Jährige von den jugendlichen Straftätern erzählt, bekommt man den Eindruck, dass nicht nur sein Büro, sondern auch er freundlich ist. Denn bei jedem seiner Sätze spürt man sein warmes Herz für die Menschen. „Eigentlich begehen wir alle einmal Straftaten. Sei es der Ladendiebstahl oder das Schwarzfahren. Das gehört zum Erwachsenwerden meistens dazu. Meine Täter allerdings fallen sehr häufig auf und das mit schweren Delikten", sagt Lars Riesner. Und bei denen hat er ziemlich ungünstige Lebensbedingungen festgestellt. „Wenn man von einigen den Lebenslauf sieht, wundert man sich gar nicht, dass sie auf die schiefe Bahn geraten sind.“

 Auslöser für seine Forschungen war eine Anfrage der Stadt Neumünster 2010. „Dort gab es auffällig viele junge Intensivtäter", so der Psychologe. „Die Stadt wollte von uns wissen, woran das liegt und was man dagegen machen kann.“ Zwei Jahre lang forschte Lars Riesner mit Unterstützung vieler Studierender an diesem Thema und wälzte Berge von Akten. Damals gab es schon die Ermittlungsgruppe „Jugend“ bei der Kripo in Neumünster und das Jugendamt hatte einen Sonderdienst für schwierige Fälle aufgebaut. Beide Einrichtungen lieferten den Grundstock seiner Forschungen.

 Nach zwei Jahren war klar: Wenn man bei gefährdeten Kindern die Lebensbedingungen besser dokumentiert, dann kann man das Risiko einer kriminellen Karriere abfangen. „Im Grunde müssen wir als Gesellschaft schon aktiv werden, bevor das Kind in den Brunnen fällt", sagt Lars Riesner. Hat das Kind ständig wechselnde Bezugspersonen? Gibt es Gewalt in der Familie? Gibt es kriminelle Freunde? Spielen Drogen oder Alkohol eine Rolle? Streunt das Kind und hält sich an Orten auf, an denen es für das Alter noch nicht hingehört? „All das sollte am besten standardisiert in Akten des Jugendamtes auftauchen, und dann kann viel früher gehandelt werden", sagt der Wissenschaftler. „Wir müssen ein Instrument entwickeln, anhand dessen man gefährdete Jugendliche rechtzeitig erkennen kann."

 In Neumünster ist die Zahl der jungen Straftäter inzwischen gesunken. „Die Stadt hat vieles schon im Vorfeld richtig gemacht“, sagt Lars Riesner. Vor allem die Ermittlungsgruppe „Jugend“ der Kripo gab damals schon den richtigen Impuls. Für die Zukunft träumt der Psychologe aber von Datensätzen, die aussagekräftiger sind als bisher. „Das Jugendamt erfasst halt Informationen, die für bestimmte Problemlagen als relevant erscheinen. Da geht es natürlich nicht immer um Kriminalität. Und welche Inhalte in den Akten landen, ist von Fachkraft zu Fachkraft ganz verschieden.“

 Die Neumünsteraner Fälle nutzte er als Grundstock für seine Doktorarbeit. „Ein 450-Seiten-Monstrum", wie der gebürtige Meldorfer sagt. Benotet wurde sein Werk kürzlich mit Auszeichnung. Da sich eine Freundin „summa cum laude" (mit höchstem Lob) aber nicht merken konnte, malte sie ein großes Plakat mit den Worten „Dr. Supreme", das nun in seinem Büro hängt.

 Lars Riesner ist Psychologe aus Leidenschaft: „Menschliche Abgründe fand ich früher schon überaus interessant. Ich wollte wissen, wie es dazu kommt, dass Menschen schwere Straftaten begehen." Etliche Krimis hat er während der Schulzeit verschlungen. Dann wurde er als 14-Jähriger selbst Opfer einer Straftat. „In Berlin wurden ein Freund und ich von zwei Typen bedroht und ausgeraubt. Das hatte ein ziemliches Trauma bei mir hinterlassen.“

 Um die Psyche von Tätern geht es auch immer wieder, wenn er nach Meldorf zu seinen Eltern fährt. Sein Vater, ein Polizist, fachsimpelt dann mit ihm über einzelne Fälle oder das kriminelle Leben im Allgemeinen. Riesner: „Die Aufgabe meines Vaters ist es, Verbrechern das Handwerk zu legen. Ich setze eher da an, wo es um Defizite und Bedürfnisse dieser Menschen geht. Man muss sie nicht von der Verantwortung befreien. Aber sie zu verstehen und mit ihnen zu arbeiten, hilft. Für diese Arbeit braucht es ein positives Menschenbild.“

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Ein Artikel von
Kristiane Backheuer
Lokalredaktion Kiel/SH

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