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Reise in eine fabelhafte Welt
CAU Kiel Jubiläum: 350 Jahre CAU Kiel

Serie: Wer forscht denn da? Reise in eine fabelhafte Welt

Im Jubiläumsjahr auf Entdeckungstour an der Kieler Uni: In der heutigen Folge machen wir einen Zeitensprung ins Mittelalter. Zusammen mit Prof. Oliver Auge begeben wir uns in finstere Welten. Welten, die bevölkert sind von Drachen, Schattenfüßlern, Greifen, Schnabelmenschen und Langohrseglern. Science Fiction aus der ganz frühen Zeit unserer Vorfahren.

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Fasziniert von Wundertieren des Mittelalters: Prof. Dr. Oliver Auge hat sich mit den finsteren Welten unserer Vorfahren beschäftigt. Hier in der Klosterkirche Bordesholm, die im Jahr 1332 geweiht wurde, trifft er noch auf hölzerne Figuren aus der damaligen Vorstellungswelt.

Quelle: Frank Peter

Kiel. Eigentlich müsste Oliver Auge jede Nacht Albträume haben. Denn der geschäftsführende Direktor des Historischen Seminars beschäftigt sich neben vielseitigen regionalhistorischen Themen mit allerlei wundersamen Geschöpfen aus der Zeit. Da gab es nicht nur die Alben, die dem Wort Albtraum den Namen gaben. Kleine furchteinflößende Wesen, die sich nach damaliger Vorstellung des Nachts auf die Brust eines Schlafenden legten, für Beklemmungen und Atemnot sorgten und mitunter auch zum Blutsaugen durch den Mund in den menschlichen Körper gelangten. In den Köpfen der Menschen spukte so manche Phantasiegestalt herum. Beispielsweise Schattenfüßler, die nur einen gigantischen Fuß besaßen, mit dem sie blitzschnell laufen konnten. Bei Sonne legten sie sich einfach in den Sand, klappten das Bein nach oben und hatten so ein schattiges Dach. Und natürlich die riesigen, feuerspeienden Drachen, die in den dunklen Wäldern hausten und auf schöne Jungfrauen lauerten.

 Für Prof. Oliver Auge sind das spannende Forschungsobjekte. „Ich wollte wissen, wie viel Motive der modernen Science Fiction es schon im Mittelalter gab“, erzählt der 44-jährige Historiker. „Die Menschen in der Zeit verorteten gefährliche Lebewesen meist am Rand der bekannten Welt, wie wir es heute mit Aliens tun. Doch in Mythen, als Darstellungen und als Schauobjekte begegneten sie den Menschen fast überall im Leben.“ Während seiner Forschungen las sich der Wissenschaftler durch unzählige Reiseberichte, Aufzeichnungen und Sagen der damaligen Zeit. Unter anderem auch durch die Schriften des Entdeckers Marco Polo. „Als der in Arabien ein Einhorn entdeckte, war er völlig enttäuscht“, berichtet Oliver Auge. „Denn das, was er sah, war nicht reizend, elegant und zart, sondern plump und grau, hatte auch nur ein Horn auf der Nase und keines auf der Stirn. Er ist natürlich einem Nashorn begegnet und hielt es für ein Einhorn.“ Die Menschen damals seien sich sicher gewesen, dass die Fabeltiere ihrer Vorstellungen und Sagen auch wirklich existierten.

 Die meisten Fantasiegestalten hätte es bereits in der Antike gegeben. „Im Mittelalter allerdings wurden die Phänomene der Natur nun christlich gedeutet“, sagt Oliver Auge. Da stehe der Phönix aus der Asche für die Wiederauferstehung oder der Drache für das Böse schlechthin. „Die Menschen glaubten an die Allgewalt Gottes. Daran, dass er alles kreieren konnte“, berichtet der Forscher. Auch der Sündenfall der Bibel beschäftigte die Menschen. Gab es den auch für die Bewohner von Sonne und Mond? Schon Nikolaus von Kues, ein Kleriker des 15. Jahrhunderts, hätte über Aliens geschrieben und darüber, wie extraterrestrisches (außerirdisches) Leben aussehen könnte.

 Die Welt außerhalb unserer Welt faszinierte Oliver Auge schon als Schüler in Göppingen. 1990 drehte der gebürtige Schwabe mit Mitschülern einen 45-minütigen Abiturfilm angelehnt an die Fernsehserie „Raumschiff Enterprise“. Als er das Geschichtsstudium begann, geriet er durch Zufall in ein Mittelalterseminar und kam von da an von dieser Geschichtsepoche nicht mehr los. Er forschte in Greifswald, Göttingen, Dresden und seit 2009 in Kiel über Fürsten und Kirchengeschichte, aber auch über die ersten Flugversuche und über sagenhafte Technik dieser Zeit. „Die Geschichte des Fliegens beginnt nicht erst mit Otto von Lilienthal. Sie ist viel älter“, sagt er. „Das Mittelalter wird unterschätzt. Die Zeit war nicht so finster und rückständig, wie immer transportiert wird.“

 Mindestens zwei Mal im Monat reist er deshalb durch Schleswig-Holstein und versucht, in Vorträgen die Menschen mit seiner Begeisterung fürs Mittelalter und für sein Fach anzustecken. „Als Forscher sind wir immer auch Dienstleister“, sagt der Landeshistoriker. „Mir bringt es Spaß, die gesellschaftliche Relevanz unserer Themen aufzuzeigen.“ Derzeit steckt er als „Haus- und Hof-Historiker“ jedoch bis über beide Ohren im Uni-Jubiläum, arbeitet im Team die Geschichte der CAU auf. Ein 750-seitiges Klosterbuch für Schleswig-Holstein und Hamburg steht kurz vor der Veröffentlichung – von insgesamt 60 Autoren und ihm verfasst. Und dann warten auf den zweifachen Familienvater noch die „Motten“. Burgen, die ab dem 12. Jahrhundert einen gesellschaftlichen Wandel in Schleswig-Holstein zeigten. „Zu der Zeit entstand der Adel“, erzählt er. 500 Stück gebe es noch im Land, doch die Zeit dränge. Viele fallen nun Neubaugebieten und dem Maisanbau für Biogasanlagen zum Opfer. Wären wir noch im Mittelalter, hätte Prof. Oliver Auge wohl seine Ritter um sich gescharrt und hätte die historischen Fundorte mit Schwertern verteidigt.

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Ein Artikel von
Kristiane Backheuer
Lokalredaktion Kiel/SH

Fotostrecke: Kluge Köpfe der CAU