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CAU Kiel 350 Jahre Ein guter Witz ist perfekt für den Unterricht
CAU Kiel 350 Jahre Ein guter Witz ist perfekt für den Unterricht
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20:21 31.08.2015
Von Kristiane Backheuer
Lehrer und Schüler zugleich: Wie kann man die deutsche Sprache am besten vermitteln? Prof. Winfried Ulrich lässt der Deutschunterricht auch im Ruhestand nicht los. Er wünscht sich dabei Humor in der Schule und macht in seinen Schulbüchern auch Witze und andere Sprachspiele zum Thema. Quelle: Ulf Dahl

Dieses wichtige Feld nimmt der 74-Jährige gerne selbst in die Hand. Sein jüngster Coup ist ein elfbändiges Werk, an dem er als Herausgeber und Autor zehn Jahre lang gearbeitet hat. Aber er weiß auch, dass viele mit Sorge beobachten, was aus unserer Sprache wird.

 Pessimisten werden jetzt vielleicht gar nicht erst weiterlesen. Was soll schon aus der deutschen Sprache werden? Die Jugend liest nicht mehr, verstümmelt die Sätze beim Verfassen von Kurznachrichten und achtet nicht mehr auf Rechtschreibung. Doch Prof. Winfried Ulrich neigt nicht zum Schwarzsehen. Für ihn ist die Sprache etwas Herrliches und die derzeitige Entwicklung ziemlich normal.

 Bei unserem Termin dürfen wir den Professor in seinem Einfamilienhaus in Stampe besuchen. Dänische Klarheit im Wohnzimmer, viel Kunst aus allen Teilen der Welt und erstaunlicherweise keine Bücher. „Ich lese gar nicht so gerne“, sagt er schmunzelnd. „Aber mein Arbeitszimmer im Keller ist natürlich voll mit Fachliteratur.“ Eigentlich wollte er als junger Mann Deutsch- und Religionslehrer werden. Ein halbes Jahr war er das auch und geriet zur eigenen Verwunderung schnell aus der Puste. „Ich konnte mich selbst noch nicht zurücknehmen. Ich dachte, ich muss große Dynamik entfalten und die Schüler unablässig begeistern“, erinnert er sich. „Wenn ich nach dem Unterricht nach Hause kam, war ich fix und fertig.“

 Da kam 1970 das Angebot aus Reutlingen, Deutschlehrer auszubilden, gerade recht. 1980 kam er an die Pädagogische Hochschule in Kiel, die später in die Uni integriert wurde, und ist seitdem immer auf der Suche nach noch besseren Methoden, Sprachkompetenz zu vermitteln. Sein Forscherleben ist prall gefüllt – Rektor und Dekan war er, andere Unis in Australien, Japan oder Brasilien luden ihn zu Forschungsaufenthalten ein, in Tallinn und Szeged erhielt er die Ehrendoktorwürde, und er veröffentlicht seit Jahrzehnten die Zeitschrift „Deutschunterricht“. Hoffnungslos, alles aufzulisten, irgendetwas würde man immer vergessen.

 Bei der Suche nach neuen Lehrmethoden schlug er irgendwann auch einen ungewöhnlichen Weg ein. Er erforschte Witze und Cartoons. Weltweit ist er dazu als Interviewpartner sehr gefragt. „Ein Witz spielt mit der Sprache“, sagt er. Ein Beispiel? Herr Lehmann stöhnt in einem Großraumbüro: „Oh, hab’ ich Kopfschmerzen. Ich verliere noch meinen Verstand.“ Darauf der Chef: „Lehmann, wenn Sie krank sind, gehen Sie nach Hause. Aber hören Sie auf, hier herumzurennen und zu prahlen.“ Prahlen? Eigentlich hätte man wohl das Wort „stöhnen“ erwartet. Aber nun wird klar, dass der Chef der Meinung ist, dass derjenige, der den Verstand verliert, erst einmal einen haben muss. „Witze sind Kurztexte“, sagt Prof. Ulrich. „Und damit perfekt für den Unterricht geeignet.“

 Aber auch, wie Worte ihre Bedeutung bekommen oder verändern, fasziniert den Wissenschaftler stets aufs Neue. Mit Spannung lauscht er der Jugend. „Chillen“ sei inzwischen überall gebräuchlich. Und die Regel, dass nach „weil“ ein Nebensatz mit einem Verb am Ende folgen muss, ist in der gesprochenen Sprache fast aufgehoben. Statt „Ich ärgere mich, weil es draußen regnet“ heißt es jetzt oft: „Ich ärgere mich, weil es regnet draußen.“ „Setzen sich Grammatikfehler durch, dann sind es keine mehr“, ist der Germanist überzeugt. Auch den Ausdruck „Däumling“ für die Generation der Kurznachrichten-Verfasser, die mit dem Daumen schreibt, hält er für eine gelungene Bereicherung. „All das kann unsere Sprache gut verkraften. Von einer Verlotterung oder dem Untergang der Sprache kann nicht die Rede sein. Die Sprache wandelt sich nur, genauso, wie sich die Fähigkeiten der Kinder verlagern.“

 Dass sich in seinem Professorenleben aber nicht alles um die Sprache dreht, dafür sorgen sein Volleyballteam und ein rund drei Hektar großes Gelände in Mielkendorf. Mit Obstbäumen, Teichen und einem Bach. „Die Natur entspannt mich“, erzählt er. Wenn er die Apfelbäume veredelt oder die Sense schwingt, kommen ihm oft die besten Gedanken. Auf die neueste Sprachentwicklung ist unsere Welt aber wohl noch nicht richtig eingestellt, glaubt der Wissenschaftler und vierfache Großvater. Wie organisiert man Sprachkurse für die Flüchtlinge? Wie geht man mit den vielen Schülern um, die inzwischen Abitur machen wollen? Wie wird man den Schwächeren und der Elite gerecht? Wie integriert man die digitalen Medien mit ihren eigenen Gesetzen?

 „Wir befinden uns gerade in einer Phase kulturellen Umbruchs“, sagt er und schaut nachdenklich in den üppig wuchernden Garten vor seinem großen Wohnzimmerfenster. Draußen schneidet seine Frau Rosen, die Vögel zwitschern und der Mann, der die Worte und das Diskutieren so liebt, sagt: „Sprachkommunikation hat in Zukunft vielleicht nicht mehr die gleiche Bedeutung wie bisher.“ Traurig macht ihn das nicht. Eher neugierig. Und bestimmt fällt ihm noch ein Trick ein, um der Jugend ein bisschen Spaß an unserer Sprache zu vermitteln – so wie damals mit den Witzen.

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