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Eintauchen in die Geschichte der Menschheit
CAU Kiel Jubiläum: 350 Jahre CAU Kiel

Wer forscht denn da? Eintauchen in die Geschichte der Menschheit

Im Jubiläumsjahr auf Entdeckungstour an der Kieler Uni: In der letzten Folge unserer Serie lernen wir eine junge Studentin kennen, die ein kleines Abenteuer-Gen besitzen muss. Franziska Steffensen ist Ur- und Frühgeschichtlerin und nebenbei noch Forschungstaucherin.

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Kieler Studierende im Widerstand

Sucht nach Spuren unserer Vorfahren im Meer: Forschungstaucherin Franziska Steffensen, die an der Kieler Uni Ur- und Frühgeschichte studiert.

Quelle: Michael Kaniecki

Kiel. Sie hat in der Schlei bei Kappeln auf dem modrigen Grund ein altes Wrack vermessen und erforscht. Sie tauchte nach versunkenen Städten vor der Küste von Neapel oder ging in Neoprenschuhen durchs Watt auf der Suche nach Spuren unserer Vorfahren.

 „Nach dem Abitur stand fest, dass ich als Au-Pair-Mädchen in die Staaten gehe. Was ich danach machen wollte, war mir allerdings lange nicht klar“, erzählt die gebürtige Flensburgerin. Doch in Washington D.C. gab es „so tolle Museen, die keinen Eintritt nehmen“, und schon tauchte sie ein in die Geschichte der Menschheit und war begeistert. „Dann erzählte mir noch jemand, dass man in Kiel an der Uni eine Zusatzausbildung zum Forschungstaucher machen kann. Da stand mein Studienfach fest.“

 Gewöhnungsbedürftig sei es anfangs schon gewesen, gesteht die 25-Jährige. Überrascht habe sie die große Dichte an Wikingern und solchen, die es gerne wären. Dann gab es noch die „geborenen“ Ur- und Frühgeschichtler, die schon als Kinder auf den Feldern der Bauern nach Beilen, Scherben und Knochen gesucht hatten. „Mittendrin ich, die keine rechte Ahnung hatte“, sagt sie schmunzelnd. Ihre einzige „Grabungserfahrung“ bestand bisher im Suchen von Sachen, die ihre Oma als Spaß in der Sandkiste oder in der weichen Erde hinterm Apfelbaum versteckt hatte. Da fand sie dann als Kind kleine Ringe, 50-Pfennig-Stücke oder auch mal ein Taschenmesser. Jetzt haben ihre Funde ein anderes Kaliber.

Forschungen zum Holzwrack

 Ihren Bachelor machte sie mit den Forschungen zum Holzwrack in der Schlei – einem Einbaum aus dem 16. Jahrhundert. „Diese Boote wurden von der Urzeit bis heute eigentlich durchgehend benutzt“, sagt Franziska Steffensen. „Einbäume sind meist relativ schlichte Holzfahrzeuge. Vor allem in Relation zu beplankten, hochseetauglichen Schiffen. Mein Einbaum wies keine Konstruktionsmerkmale wie Spanten, Planken oder Laschen auf. Es gab nur eine Trennwand im hinteren Drittel des Fahrzeugs. Dieser Einbaum wurde wahrscheinlich zu Fischereizwecken in der frühen Neuzeit in der Schlei genutzt.“ Bevor es unter Wasser ging, lernte sie jedoch die Tücken der Bürokratie kennen. Beim Katasteramt musste sie die Koordinaten herausbekommen, dann ein Tauchteam zusammenstellen, einen Segelverein in der Nähe finden, der ihr erlaubt, dort das Schlauchboot ins Wasser zu lassen und eine statistische Messstation im Koordinatensystem einpflegen, um später alles digital darstellen zu können.

 Drei Tage lang ging es dann zu fünft bei mehreren GPS-geleiteten Tauchgängen drei bis vier Meter tief mitten in die Fahrrinne der Schlei. „Man hat nicht viel gesehen“, sagt sie. „Und es war schweinekalt, denn es war Ende Februar.“ Über dem Wrack schwebend wurde dann vermessen und gezeichnet. Ein Hartplastikblock und ein Bleistift machen’s möglich. Für den Laien erstaunlich: Jeder Bleistift schreibt unter Wasser. „Leider hat die Schiffsbohrmuschel teilweise schon ganze Arbeit geleistet. Der Einbaum ist nicht mehr im besten Zustand“, schildert die Ur- und Frühgeschichtlerin. Für ihre schriftliche Arbeit gab es anschließend die Note 1,0.

"Noch eine weiße Karte"

 In den Semesterferien forscht sie dagegen am Wasser und an Land. Für das Niedersächsische Institut für historische Küstenforschung in Wilhelmshaven arbeitet sie schon seit drei Jahren. „Das nordfriesische Wattenmeer ist schon fast komplett untersucht. Aber das ostfriesische Watt war vor diesem Projekt noch eine weiße Karte“, erzählt sie. Geleitet von Fundmeldungen und Luftbildern geht Franziska Steffensen hier in Neoprenschuhen ans Werk. „Gummistiefel bleiben leider im Schlick hängen und für barfuß sind die Muscheln zu scharfkantig“, klärt sie auf. Mit einem GPS-Gerät, Zeichenrahmen und Kamera, einem Rettungsseil und immer mit zwei oder drei Kollegen wird das Watt nach Befunden wie Siedlungen und alten Deichverläufen untersucht.

 „Einmal war auch ein fast komplettes Schaf dabei“, erzählt sie. In einem Seminar an der Kieler Uni hatte sie schon gelernt, die unterschiedlichsten Tierknochen und Schlachtspuren zu erkennen. Sie fand Grundrisse von Häusern im Watt, verzierte Keramiken und Bleifassungen von Fenstern. „Im Watt herrschen krasse Bedingungen. Man ist immer unter Zeitnot und dort, wo man etwas freilegt, fließt sofort wieder Wasser nach. Einmal dachte ich, ich hab’ eine Urne entdeckt. Aber beim vorsichtigen Freilegen stellte sich heraus, dass es nur ein neuzeitlicher Plastikeimer war“, schildert sie amüsiert.

 Die tollste Taucherfahrung hatte sie bisher während einer Exkursion vor der Küste Neapels. „Dort haben wir nach einer römischen Stadt getaucht, sahen Mosaikböden und Statuen. Das war schon unglaublich schön“, sagt sie. „Hier dagegen sieht man beim Tauchen fast gar nichts und man friert immer. Trotzdem sind das Studium und die Unterwasserarchäologie der Hammer.“ Auch in ihrer Freizeit ist das Wasser ihr Element. Dann geht sie mit ihrem Freund Surfen oder Wellenreiten. Aber gerne da, wo es warm ist. Die nächste Reise nach Portugal ist schon geplant.

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Ein Artikel von
Kristiane Backheuer
Lokalredaktion Kiel/SH

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