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Es stinkt nicht mehr
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Wer forscht denn da? Es stinkt nicht mehr

Im Jubiläumsjahr auf Entdeckungstour an der Kieler Uni: Immer der Nase nach geht es in dieser Folge. Sandra Wilde macht sich bei ihren Studienkollegen nicht gerade beliebt. Denn wenn sie forscht, riecht es im gesamten Gebäude der Lebensmitteltechnologie nach Knoblauch.

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Sie will das Beste aus der Zehe herausholen: Lebensmitteltechnologin Sandra Wilde forscht zu Knoblauch und hat gerade ein Patent angemeldet.

Quelle: Sven Janssen

Kiel. Doch die penetrante Geruchsbelästigung ist von Erfolg gekrönt. Die Wissenschaftlerin hat es nach mühevollen Testreihen geschafft, die gesunden Eigenschaften des Knoblauchs herauszufiltern und dabei den sehr eigenen Geschmack und Geruch extrem zu minimieren. Ihre Entdeckung wird gerade als Patent angemeldet.

„Bis wir auf Knoblauch kamen, hat es etwas gedauert“, erzählt Sandra Wilde. „Eigentlich wollten wir mit grünem Tee arbeiten, der auch viele gesundheitsförderliche Eigenschaften besitzt.“ Doch alle Versuchsreihen damit klappten nicht. Dank einer Kollegin landete die Ökotrophologin dann beim Knoblauch. In den Zehen steckt Allicin, und Allicin kann auf verschiedene Weise positiv auf die Gesundheit wirken. Beispielsweise kann es das Risiko für bestimmte Krebsarten und Herz-Kreislauf-Erkrankungen senken. Eigentlich müssten wir jeden Tag Knoblauch essen. Doch die Wenigsten tun das, was vor allem an dem scharfen Geschmack und dem Geruch liegt.

So kommt Allicin ohne Geruch in den Körper

Sandra Wilde hat nun ein Verfahren entwickelt, wie wir das Allicin ohne diese negativen Begleiterscheinungen in unseren Körper bekommen. Das Zauberwort heißt Beta-Lactoglobulin und ist ein Eiweiß in der Milch. „Das funktioniert wie ein Transporter“, sagt die 28-Jährige. „Das Eiweiß hat innen eine Höhle, so wie ein Trichter. Da kann sich ein Vitamin oder ein anderer Stoff ’reinlegen und wird so transportiert.“ Wie toll Milch ist, hat Sandra Wilde schon früh gelernt. Auf einem Bauernhof im brandenburgischen Burghagen aufgewachsen, hat sie schon als Kind Kühe gemolken. Ihr Vater hat 700 Schwarzbunte. Später während des Studiums hat sie ein Praktikum bei Müller Milch in Freising gemacht. Und für Joghurt mit Haferflocken würde sie jedes köstliche Drei-Gänge-Menü stehenlassen.

Doch zurück zum Allicin. In den Versuchsreihen hat sich herausgestellt, dass die Knoblauchsubstanz eine perfekte Ehe mit dem Eiweiß der Milch eingeht. Allicin legt sich nicht nur in den Trichter hinein, sondern wird fest gebunden und sitzt so noch besser für den Transport. „Wir freuten uns riesig über diese Entdeckung“, erzählt Wilde. „Und mussten dann nur noch untersuchen, ob das Allicin im Körper wieder freigelassen wird.“ Mit einer aufwendigen Versuchsreihe konnte sie beweisen, dass sich Allicin und Eiweiß im Köper wieder trennen. Die Scheidung der perfekten Ehe glückt.

Zehn Mäner als Testpersonen

Den Beweis lieferten zehn junge Männer, die Wilde über einen Aushang an der Uni fand. Innerhalb von fünf Wochen mussten sie an drei verschiedenen Tagen das von ihr entwickelte Pulver zu sich nehmen. In ihrem Labor hat die Wissenschaftlerin zuvor Knoblauchzehen getrocknet und gemahlen. Das Knoblauchpulver wurde zusammen mit dem Eiweiß der Milch gemischt, damit das Allicin an das Beta-Lactoglobulin gebunden werden konnte. Anschließend wurde alles noch in einem drei Meter hohen Turm, den jede Molkerei und auch die Uni in Kleinformat hat, sprühgetrocknet. Das Pulver packte sie in Kapseln oder verrührte es in ein eigens entwickeltes kaltes Kaffeemilchgetränk.

Bereits Wochen zuvor vor und während des Versuchs mussten die Testpersonen Zwiebeln und Knoblauch vom Speiseplan streichen und sich an die Ernährungsliste von Sandra Wilde halten. An den Versuchstagen selbst gab’s dann zu normalem Essen die Kapseln und das Kaffeegetränk. Alle paar Stunden wurde Blut abgenommen, Atemgasproben gezogen und 24 Stunden lang der Urin gesammelt. Die eigentliche Arbeit begann erst nach der Versuchsreihe: „Da saß ich mit großen Kanistern voller Urin und zig Blutproben da und sollte jetzt herausfinden, wo mein Pulver geblieben ist“, sagt sie. „Das war wie die Suche nach der Nadel im Heuhaufen.“ Um die kostbaren Proben nicht zu verschwenden, ließ sie sich erst einmal vom Betriebsarzt der Uni selbst Blut abnehmen und entwickelte ein Verfahren, um die Spuren ihres Produktes besser sichtbar zu machen.

Doktor dank Knoblauch

Doch nach zähen Wochen war klar: Das von ihr entwickelte Pulver ist ein Knaller! „Wir haben es geschafft, dass man die gesunde Wirkung des Knoblauchs geschmacksneutral in Lebensmittel einbringen kann“, sagt sie nicht ohne Stolz, auch wenn nach dem Verzehr der Körper den typischen Knoblauchgeruch noch leicht ausdünstet. „Es passt nicht in Schokoladenpudding, aber in einem Kräuterquark beispielsweise ist es perfekt.“ Wenn nach einem Jahr ihr Produkt das Patentverfahren durchlaufen hat, hofft sie, dass viele Hersteller so begeistert sind wie sie. Ein Gutes hat das Ganze aber schon jetzt: Für ihre Arbeit bekam sie Anfang Juli den Doktortitel.

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Ein Artikel von
Kristiane Backheuer
Lokalredaktion Kiel/SH

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