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Jeder Rülpser belastet das Klima
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Serie: Wer forscht denn da? Jeder Rülpser belastet das Klima

Im Jubiläumsjahr auf Entdeckungstour an der CAU Kiel: Heute besuchen wir einen Kuhstall in Karkendamm bei Bimöhlen. Hier holt Lisa-Marie Sandberg vom Institut für Tierzucht und Tierhaltung ihre Kotproben. Die Doktorandin will wissen, ob man anhand des Schiets Rückschlüsse auf die Methangasmenge ziehen kann.

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Keine Berührungsängste: Lisa-Marie Sandberg (25) forscht über den Gasausstoß von Kühen. 540 Liter Methangas stößt eine milchgebende Kuh am Tag aus

Quelle: Uwe Paesler

Kiel.  Im Schnitt stößt eine milchgebende Kuh am Tag 540 Liter des aggressiven Treibhausgases aus und trägt so mit zur Erderwärmung bei. Das tut sie übrigens, indem sie rülpst. Der Pupsanteil ist eher gering.

 Lisa-Marie Sandberg ist so gar nicht zimperlich. Routiniert streift sich die 25-Jährige einen Besamer-Gummihandschuh über, der bis zur Schulter reicht, hebt den Schwanz der Kuh vor ihr und greift mal eben in den Mastdarm, um eine Kotprobe zu bekommen. Drei Behälter, die aussehen wie leere Nutella-Gläser, füllt sie auf diese Weise. So geht es von Kuh zu Kuh. 40 Tiere insgesamt. „Man darf die Tiere nicht erschrecken“, sagt sie, „sonst entleeren sie sich gleich. Dann landet der Kot auf dem Boden und könnte mit dem Kot der anderen Tiere kontaminiert sein.“

 Einmal die Woche macht sich die Wissenschaftlerin mit dem institutseigenen VW Passat auf den Weg zum Versuchsbetrieb, und das ein Jahr lang. Zurück an der Kieler Uni werden die Kotproben dann von ihr für die weitere Verwertung vorbereitet. Auf Alugrillschalen wiegt sie drei Proben ab. Anschließend kommt die ziemlich übel riechende Masse in den Trockenschrank. 48 Stunden bei 60 Grad. „Leider kommt an die Proben unten schlecht Luft heran, deshalb muss ich immer wieder umrühren und wenden“, sagt Lisa-Marie Sandberg. Die Trockenmasse wird anschließend mit dem Mörser zerstoßen und in einer elektrischen Mühle fein pulverisiert. Inzwischen stinkt nichts mehr. „Erst durch die Trocknung kann ich die Proben miteinander vergleichen“, so die Studentin. „Einige Kühe haben einen sehr wässerigen Kot, andere eher dickflüssigen. Da wären die Ergebnisse völlig verfälscht.“

 Schon in ihrer Jugend in Teterow verlor Lisa-Marie Sandberg ihre Berührungsängste mit der Tierproduktion. „Als Schülerin hab’ ich auf dem Schlachthof gearbeitet“, erzählt sie lachend. „Da hab’ ich Schweine-Vorderbeine verpackt und Rinderzungen eingeschweißt.“ Die Kühe begleiteten sie auch während des Studiums an der Rostocker Uni. Ihren Bachelor schrieb sie über den Zusammenhang von Lahmheit und Milchleistung. Bei der Masterarbeit ging es um den Einfluss von Futterhefe auf die Milchproduktion. Da sie anschließend keinen passenden Doktorandenplatz fand, begann sie einen Job als Herdenmanagerin. Bis die Uni Kiel auf sie aufmerksam wurde und sie ihre Bewerbungsunterlagen für die Methanforschung einreichte. Wenig später zog sie samt Pferd, zwei Chihuahua-Hündinnen und zwei Zwerghamstern im Februar 2014 in die Landeshauptstadt.

 „Rund 54 Prozent der Methan-Emissionen in Deutschland entstehen in der Landwirtschaft“, sagt die Nutztierwissenschaftlerin. „Den größten Anteil daran haben Wiederkäuer und deren Verdauung.“ Über die Fütterung könne man Einfluss darauf nehmen, doch gehe das oft zulasten der Milchleistung. „Wir wollen nun versuchen, züchterisch den Methanausstoß zu verringern. Dazu muss man aber erst einmal wissen, welche Tiere viel und welche wenig Methan produzieren. Und da sollen meine Untersuchungen helfen.“ Im Kot der Tiere sei der Biomarker Archaeol nachzuweisen (siehe Zusatzstück), und der zeige vermutlich genau an, wie viel Methan vorher herausgerülpst wurde.

 Diesen Zusammenhang will Lisa-Marie Sandberg mit ihren Studien belegen. In rund eineinhalb Jahren hofft sie, ihre Doktorarbeit dazu fertig zu haben. Bis dahin muss sie aber noch ordentlich mit Zahlen jonglieren. Wie viel hat sich die Kuh bewegt, was und wie viel hat sie gefressen, war sie krank, wie viel Milch hat sie gegeben? Und schließlich: Wie viel Archaeol ist in der Kotprobe? Vergleichsdaten bekommt sie dann vom Institut für Nutztierbiologie in Dummerstorf bei Rostock. Dort wurde der Gasausstoß ihrer Kühe in sogenannten Respirationskammern gemessen. „Nur leider sind die Messungen in den komplett versiegelten Kammern sehr kostspielig, personal- und zeitaufwendig und zudem für die Tiere gewöhnungsbedürftig“, sagt Lisa-Marie Sandberg. „Deshalb wäre es schon klasse, wenn über den fäkalen Biomarker Archaeol genau ermittelt werden kann, wie viel Methan ausgestoßen wurde.“ Dann könnte das Züchten mit rülpsschwachen Tieren beginnen, und eines schönen Tages stehen dann in Deutschland nur noch Kühe, die keine Rülpsweltmeister mehr sind.

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Ein Artikel von
Kristiane Backheuer
Lokalredaktion Kiel/SH

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