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Der Erste Weltkrieg im Norden Kriegsgefangene der Japaner
Der Erste Weltkrieg Der Erste Weltkrieg im Norden Kriegsgefangene der Japaner
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08:36 16.06.2014
Von Annemarie Heckmann
Kultiviert ging es im Gefangenenlager in Bando/Japan zu. Diese Aufnahme entstand 1920 beim Abschiedsessen des Kegelclubs und zeigt den Kieler Otto Heinzel (zweiter von rechts) mit Kameraden. Quelle: hfr
Kiel

Wenn wir uns heute wundern, dass die Japaner Beethovens „Ode an die Freude“ so lieben oder dass in Qingdao, dem Austragungsort der Olympischen Segelwettbewerbe 2008 und Partnerstadt Kiels, so viel deutsche Architektur und Lebensart zu finden ist, dann führt die Spurensuche auch nach Norddeutschland und die Zeit des 1. Weltkriegs. Qingdao, damals noch Tsingtau, war die Hauptstadt der deutschen Kolonie Kiautschou. Das Stück Kaiserreich in China gab es seit März 1898, nach der Ermordung zweier Missionare hatte das Deutsche Reich die Regierung in Peking gezwungen, einen Pachtvertrag für 99 Jahre über ein 552 Quadratkilometer großes Gebiet abzuschließen. 1914 war Tsingtau eine blühende Stadt mit fast 60000 Einwohnern.

 Hier war vieles deutsch: die Verwaltung, das Bier ebenso wie die Schiffe der Kaiserlichen Marine. Tsingtau war ein wichtiger Stützpunkt für das Ostasiengeschwader. Doch am 16. August 1914 endete der friedliche Alltag der deutschen Kolonie jäh – nicht nur für Kommandeur Alfred Meyer-Waldeck. Der zwei Wochen zuvor in Europa ausgebrochene Erste Weltkrieg wird auch dort zur Bedrohung. Briten und Japaner, miteinander verbündete Vormächte in Ostasien, stellen Meyer-Waldeck ein Ultimatum: Er soll die Kolonie kampflos übergeben, die Alliierten können keinen deutschen Flottenstützpunkt in ihrer Hemisphäre dulden. Doch Meyer-Waldeck entschied, Kiautschou „bis zum Äußersten zu verteidigen“. Nach Ablauf des Ultimatums am 23. August erklärte Japan dem Deutschen Reich den Krieg.

 Das traf die Marinesoldaten vor Ort: Unter ihnen war Max Bunge, 1881 in Heiligenhafen geboren. Er war schon 1899 nach Tsingtau gekommen, nachdem er mit 17 Jahren als Freiwilliger zum Militär gekommen und abkommandiert worden war. Bunge gehörte zum deutschen Expeditionskorps, das sich an der Niederschlagung des Boxeraufstandes beteiligte. Danach war er nach Schleswig-Holstein zurückgekehrt, hatte hier seine Verlobte Grete geheiratet und war mit ihr zurück nach Tsingtau gefahren, um dort als Verwalter und Lehrbeauftragter an der Deutsch-Chinesischen Hochschule zu arbeiten. Er war einer der etwa 1400 Soldaten des III. Seebataillons, das nun Tsingtau verteidigen sollte. Das gelang nur kurz: Am 7. November 1914 mussten sich die Deutschen gemeinsam mit den österreichisch-ungarischen Alliierten ergeben. Nach der Kapitulation besetzten die Japaner Tsingtau. Bunge kam in japanische Kriegsgefangenschaft und wurde erst 1920 entlassen. Er kehrte nach Deutschland zurück – um erneut nach China zu reisen, da seine Frau auch nach Kriegsende in Schanghai geblieben war.

 Auch Max Brüggen aus Lübeck, Mitglied der Familie des Mühlenunternehmens H&J Brüggen, hatte in Tsingtau gekämpft und war in japanische Kriegsgefangenschaft geraten. Wer seine Briefe an die Familie liest, wundert sich allerdings stellenweise. So heißt es in einem Brief an seine Schwester Lulu vom 18. April 1916: „Gestern bekam ich von Herrn Vehling aus Yokohama zwei Pakete, eins mit Samen für unser Gartenland, in dem anderen waren einige weiße Hemden, die ich mir für den Sommer bestellt hatte. Dass ich Herrn Vehling hier habe, ist kolossal angenehm für mich, so lässt er zum Beispiel augenblicklich weiße Matrosenanzüge für mich machen. Ich muss hier nämlich etwas anständiger herumlaufen…“

 Klingt so Post aus Lagerhaft? „Ein Ausnahmefall, da es ein ganz besonders liberales Lager war“, sagt Peter Janocha von der Deutsch-Japanischen Gesellschaft Schleswig-Holstein. Er hat ein Buch über Schleswig-Holsteiner in japanischer Kriegsgefangenschaft geschrieben und erklärt, dass in einigen Lagern eine entspannte und freie Atmosphäre herrschte – besonders wenn es Offiziere waren, die Geld hatten. Sie ließen sich Bücher und Zeitungen von Zuhause schicken, musizierten und organisierten Konzerte. So wie der Kieler Militärmusiker Hermann Richard Hansen, der erst in der Kolonie im Einsatz war und mit seinem Orchester Beethoven spielte – und dann die „Ode an die Freude“ über die Gefangenschaft im Lager Bando auch nach Japan „exportierte“. Wie Peter Janocha erklärte, hatten sich viele japanischen Militärs in den Jahren vor der Kriegserklärung von Deutschen ausbilden lassen: Preußen galt als Vorbild.

 Doch nicht alle haben gute Erfahrungen gemacht: Dazu zählt Arthur Paulsen, dessen Tochter heute in Kiel lebt. Paulsen war 1912 als Wehrpflichtiger zur Marine gekommen und ebenfalls im III. Seebataillon in Tsingtau stationiert. Seine bis 1919 dauernde Kriegsgefangenschaft führte ihn in das Lager Kurume, das, wie Peter Janocha erklärt, von den Gefangenen als „japanisches Konzentrationslager“ bezeichnet wurde.

 Auch zwei Söhne von Stephan Heinzel, dem ersten Sozialdemokraten in der Kieler Stadtverordnetenversammlung, hatten in Tsingtau gekämpft. Arthur Walfried Heinzel war bereits 1907 nach Tsingtau ausgewandert, wo er eine Speditions- und Handelsfirma betrieb. 1914 wurde er als Reservist einberufen, erst 1919 kam er aus der Gefangenschaft. Seine Firma konnte offenbar auch unter japanischer Besatzung arbeiten, erklärt Janocha. 1921 war Arthur Heinzel nach Stralsund, der Heimat seiner Frau, zurückgekehrt; dort starb er 1923, 42 Jahre alt. Sein Bruder Otto Johannes Heinzel ging 1906 als Freiwilliger zur Marine und wurde 1908 nach Tsingtau abkommandiert – auch er kam in Gefangenschaft.

 Im September 1919 waren aus den Lagern einige „Nordschleswiger“ entlassen worden, um an der Volksabstimmung über die Zugehörigkeit Nordschleswigs zu Deutschland oder Dänemark abstimmen zu können – doch für viele war die Heimreise noch in weiter Ferne. So schrieb am 30. Oktober 1919 Max Brüggen an seinen Schwager Carl: „Den ganzen Tag läuft man ruhelos umher. Diese letzten Wochen und Monate waren entsetzlich.“ Am 23. Dezember 1919 kann er endlich aufatmen: „Übermorgen, am 1. Weihnachtstage mittags um 12 Uhr, geht’s los.“ Max Brüggen kehrte nach Lübeck zurück und trat in die Firma seines Vaters ein, die er später zusammen mit seinem älteren Bruder Heinrich leitete.

 Info: Deutsch-Japanische Gesellschaft SH, Tel. 0431/322810.

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