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Kaisertreu in den Tod

Serie: Der Norden und der große Krieg Kaisertreu in den Tod

Es war ein Krieg in neuen Dimensionen: Im Ersten Weltkrieg standen 60 Millionen Männer unter Waffen. Im Norden meldeten sich sogar viele kaisertreue Abiturienten freiwillig. Doch der Kampf für das Vaterland ist blutig und die Verlustquote hoch.

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Er war einer der wenigen Überlebenden: Carl-Herrmann Bahr. Seine Kriegserlebnisse vergrub der Ostholsteiner tief in seinem Inneren.

Quelle: Thomas Eisenkrätzer

Kiel. Langsam zieht Karin Ipsen das Bajonett aus der Scheide. Die Stichwaffe, schwarz und schwer, lässt sie erschaudern. Sie ist echt. Vor 100 Jahren trug sie ihr Großonkel Carl-Herrmann Bahr, eigentlich ein Werftarbeiter, auf seinem Gewehrlauf. Der in Fargemiel geborene Ostholsteiner brachte das Bajonett aus dem Ersten Weltkrieg mit in die Heimat zurück. Als Erinnerung. Es war die einzige, die er seinen Angehörigen offenbarte. „In seinem Kopf waren sicherlich noch viel mehr“, sagt Karin Ipsen. „Aber ich weiß nicht, was er nach dem Krieg mit sich herumgetragen hat.“ Die Schlachten, in denen er als Soldat steckte, waren blutig. Das ist klar. „Aber er hat darüber nie ein Wort verloren.“

So wie Carl-Herrmann Bahr erging es vielen Männern von 1914 bis 1918. Ab der Mobilmachung am 1. August werden sie eingezogen. Viele melden sich freiwillig. Insgesamt stehen mehr als 60 Millionen Menschen im Ersten Weltkrieg unter Waffen. Für Deutschland kämpfen ungefähr 13,2 Millionen Soldaten, mehr als zwei Millionen von ihnen sterben in den Schützengräben.

 „Das Sterben und Töten in dieser Dimension war völlig neu“, sagt der Historiker Tillmann Bendikowski. Es ist der erste Krieg mit modernen, industriell gefertigten Massenvernichtungswaffen: Maschinengewehre, Giftgas, U-Boote, Panzer. „Diese neuen Waffen führen zu Verlusten, die völlig unbekannt sind und neuartige Schrecken verbreiten.“ Die Todeslisten sind so lang, dass Zeitungen wenige Wochen nach Kriegsausbruch auf den sonst üblichen Abdruck verzichten. „Einfach, weil der Platz nicht ausreichte“, sagt Bendikowski. Außerdem tauchten plötzlich psychisch gestörte Veteranen auf. Die sogenannten Zitterer hätten der Bevölkerung fast mehr Angst eingejagt als die sonst üblich bekannten Kriegsversehrten.

 Über die Zahl der eingezogenen Soldaten aus dem Norden gibt es keine genaue Angaben. Doch allein im Lokstedter Lager, einem der größten Truppungsübungsplätze im Deutschen Reich, wurden jährlich 100000 Soldaten ausgebildet. Bei einem Manöver 1915 waren dort 20000 Männer und 5000 Pferde untergebracht. Das Alter für den Einzug zum Kriegsdienst wird im Verlauf der Jahre immer weiter abgesenkt. Die Schüler der Kieler Abschlussjahrgänge von 1912 bis 1914 werden umgehend eingezogen und verzeichnen eine Verlustquote von 50 Prozent, wie Historiker Martin Rackwitz in einer Stichprobe errechnet hat.

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 Neben dem Adel oder dem Bürgertum ist es die akademische Jugend, die für den Waffengang zunächst Feuer und Flamme ist. Die Generation, die in der Friedensperiode von 1871 bis 1914 aufgewachsen ist und keine Kriegserfahrung besitzt, hat mit der Erziehung die Kaisertreue eingeimpft bekommen. Viele melden sich freiwillig. So klopfen etwa eines Abends während der Mobilmachung die Oberschüler der Kieler Max-Planck-Schule an die Tür des Direktors, wie Rackwitz schildert. Sie wollen um jeden Preis im Krieg dabei sein und deshalb ihre Abitur-Prüfung vorziehen. Sie befürchten, dass der Waffengang ohne sie zu Weihnachten zu Ende sein könnte. Diese Schmach, so die Schüler, gelte es zu vermeiden.

 Im Gegensatz zur Jugend sind die Arbeiter, die in den Kieler Werten schuften, angesichts des sich zusammenbrauenden Krieges eher skeptisch. Vier Tage vor Kriegsausbruch strömen laut Rackwitz 6000 Arbeiter in das Kieler Versammlungslokal „Waldwiese“ zu einem Auftritt von Eduard Adler. In seiner Rede warnt der SPD-Stadtfraktionsvorsitzende vor einem Weltkrieg, der Jahre dauern und das Land in den Untergang stürzen werde. „Seine Worte sind prophetisch“, sagt Rackwitz. Denn viereinhalb Jahre später schließt sich der Kreis: So ziehen am 3. November 1918 tausende, vom Krieg gezeichnete Menschen wieder an dem Lokal „Waldwiese“ vorbei, überwältigen dort eine Kompagnie von Soldaten und laufen mit deren Waffen in die Innenstadt. Es ist der Auftakt zum Kieler Matrosenaufstand, mit dem die Kriegsmüden im ausgelaugten Kaiserreich gegen die Durchhalteparolen der deutschen Befehlshaber rebellieren. Der Aufstand leitet die Novemberrevolution ein, die schließlich innerhalb weniger Tage die Monarchie zum Einsturz bringt und den Ersten Weltkrieg beendet.

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Foto: Kultiviert ging es im Gefangenenlager in Bando/Japan zu. Diese Aufnahme entstand 1920 beim Abschiedsessen des Kegelclubs und zeigt den Kieler Otto Heinzel (zweiter von rechts) mit Kameraden.

Der Erste Weltkrieg fand auch in Asien statt: in Kiautschou im Nordosten Chinas. Das Gebiet war ab 1898 ein Stück Deutsches Kaiserreich, und auch dort kämpften Soldaten aus Schleswig-Holstein – 220 landeten für Jahre in japanischer Kriegsgefangenschaft.

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