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Beim IS war ihre Musik verboten

Serie: Ein Jahr nach der Flucht Beim IS war ihre Musik verboten

Fast jede Nacht träumt Mohammad Taha Al Smail (56) von seinem jüngsten Sohn Ahmad. Der 15-Jährige blieb mit der Mutter Reem (40) in Damaskus zurück. „Ich vermisse sie“, sagt der Berufsmusiker. Seit mehr als einem Jahr lebt er in Belau (Kreis Plön) in einer Gemeinschaftsunterkunft.

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Ein Leben ohne Musik ist für Mohammad Taha Al Smail und seinen Sohn Esmail nicht vorstellbar.

Quelle: Orly Röhlk

Plön.  Dort hat auch sein Sohn Esmail (21) Zuflucht gefunden. Ihre Heimat Syrien haben sie verlassen, weil der Krieg dort jede Zukunftsperspektive zunichte machte.

 Als Geigenbauer und Geigenlehrer war es für Taha Al Smail unmöglich, seinen Beruf weiter auszuüben. Der IS habe die Musik verboten, denn Musik bedeute Freude. Esmail ist Gitarrenlehrer und möchte in Deutschland Musik studieren. Mit der Flucht aus Syrien sei es ihm gelungen, dem Kriegsdienst zu entgehen, erzählt er. So machten sich beide auf den Weg Richtung Deutschland. „Wir waren 22 Tage unterwegs über Libanon, Türkei, Griechenland, Mazedonien, Serbien, Ungarn und Österreich“, schildert Esmail in flüssigem Deutsch die Flucht zu Fuß und per Bahn. „Das war kompliziert und gefährlich, überall Polizei, in Ungarn wurden wir von der Polizei bedroht, in Mazedonien und Serbien wollten alle Geld haben“, erinnert er sich.

 Fünf Mal pro Woche nimmt er wie sein Vater am Integrationskursus Deutsch bei der Kreisvolkshochschule (KVHS) in Plön teil und wird im Januar 2017 seine Abschlussprüfung haben. Doch im Gegensatz zum Vater, der vor vier Monaten seine Anerkennung erhielt, weil er mit syrischem Pass einreiste, wartet Esmail noch darauf. Der Grund: „Meinen Pass hat die Polizei in Serbien genommen und auch mein Gitarrenzertifikat, ich habe keine Kopie mehr. Aber ich glaube, die Anerkennung ist unterwegs“, meint er optimistisch.

 Für Mohammad Taha Al Smail bedeutete es den schönsten Moment, wieder auf einer Violine zu spielen, als ihm eine Spenderin vor einem Jahr ein Instrument überließ. Bei der Flucht aus Syrien hatte er alles zurücklassen müssen. Inzwischen spielt er im Pops Orchestra der Kreismusikschule (KMS) Plön, war mit den Musikern zu Gast in Polen für ein Konzert und musizierte im Juli beim Landesmusikschultag der Landesgartenschau in Eutin. „Ich bin sehr glücklich mit dem Orchester“, erklärt Mohammad Taha. „Klassische Musik von Mozart, Bach, Vivaldi und Beethoven kannte ich und habe sie gehört, jetzt kann ich sie auch spielen, weil ich die Noten dafür habe.“ Er ist auf der Suche nach einer Wohnung in Preetz. Da sei es nicht so weit bis zu den Orchesterproben. Esmail hat sich auf Flamenco spezialisiert und verfügt wieder über eine Gitarre. „Arabische Musik klingt wie Flamenco, weil die Araber in Andalusien waren – nach Spanien möchte ich auch“, erzählt er.

 Beide sich froh, in Deutschland zu leben. „Es wäre noch viel besser, wenn die Familie hier wäre“, sagt Mohammad Taha. Ahmad sei viel besser auf der Violine als er selbst. Zusammen mit Reem, die Flöte spielt, und den Söhnen habe er zu Hause oft musiziert. Jetzt versuchen er und Esmail seit Monaten, für Reem und Ahmad einen Termin in der Deutschen Botschaft in Erbil (Irak) oder Istanbul (Türkei) zu bekommen. Dort gibt es ein Visum für den Familiennachzug. „Zu viele Leute wollen einen Termin haben“, rechnet Esmail jedoch frühestens für 2017/2018 damit, dass dies der Mutter und dem Bruder gelingt.

 Er selbst ist zuversichtlich, was sein eigenes Schicksal angeht, und findet die Prüfungen im Deutsch-Intensivkursus nicht allzu schwierig. Bis er studieren und als Musiklehrer arbeiten darf, werde es noch dauern. Das nimmt er gern in Kauf: „Lieber warten, und dann bekomme ich den deutschen Pass.“

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