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Bassel bleibt am Ball

Ein Jahr nach der Flucht Bassel bleibt am Ball

Bassel Sekhi träumt von einem Stück Papier. Der 32-Jährige möchte endlich einen Pass haben – am liebsten einen deutschen. „Dann würde ich mich als richtiger Mensch fühlen und hätte das beste Heimatland.“ Bassel Sekhi gehört zum Heer der Staatenlosen. Für ein Bleiberecht eine zusätzliche Hürde.

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Fußball ist für Bassel Sekhi eine gute Möglichkeit, sein Deutsch zu verbessern. „Ich habe schon viele Freunde gewonnen. Im Internet stand, die Deutschen sind Rassisten. Aber ich kenne keinen einzigen.“

Quelle: Sonja Paar

Plön. Doch der junge Mann, der vor einem Jahr aus dem Irak nach Plön kam, will Deutschland mit seinem unbändigen Integrationswillen überzeugen. Es ist schwierig, einen Termin mit Bassel Sekhi zu bekommen. Um 9 Uhr pünktlich verlässt er jeden Morgen die kleine Wohnung direkt an der B76 in Plön. Dann geht er in die Gemeinschaftsunterkunft, um für andere zu dolmetschen, sie zu Behörden oder Ärzten zu begleiten. Wo er selbst Deutsch gelernt hat? „Kein Sprachkurs, als Staatenloser auch kein Integrationskurs, nur eine Stunde in der Woche Unterricht von Helfern“, sagt er.

Eigentlich wollte er nicht nach Deutschland

Deshalb beginnt um 16 Uhr, wenn er mit der Unterstützung von anderen Flüchtlingen fertig ist, sein eigenes Sprachtraining: Er spielt mit einem älteren Herren Schach oder trainiert Fußballmannschaften als Co-Trainer. „Ich spiele selbst gerne Fußball. Ich dachte, so kann ich auch Deutsch lernen. Also habe ich den Chef vom TSV Plön angesprochen, und er hat mir geholfen.“ Diese große Hilfsbreitschaft hat Bassel Sekhi zu einem „Deutschen im Herzen“ gemacht. Dabei wollte er eigentlich gar nicht nach Deutschland.

Bassel Sekhi ist in Kuwait geboren und aufgewachsen. Weil seine Eltern Iraker waren, hätten er und seine Geschwister in Kuwait zwar eine Geburtsurkunde, aber weder Ausweis noch Staatsbürgerschaft bekommen. Doch in den Irak habe die Familie auch nicht gehen können, weil der dortige Diktator Saddam Hussein Krieg gegen Kuwait führte. Erst nach der Entmachtung Husseins geht er mit 20 Jahren in den Irak, hofft auf Frieden. Stattdessen erschüttern bürgerkriegsähnliche Zustände das Land. Es gibt Terroranschläge, Gewalt. Auch eine Schwester von Sekhi wird getötet. Immerhin habe er selbst sein Diplom in Agrarwissenschaft machen können. „Papiere habe ich aber nicht bekommen.“

"Ich wollte zu Freunden nach Finnland"

Ab 2014 wird der Einfluss des „Islamischen Staates“ immer stärker. Weil er mit den Amerikanern zusammengearbeitet habe, sei es immer gefährlicher für ihn geworden. Freunde seien ermordet im Straßengraben gefunden worden oder spurlos verschwunden, erzählt er. „Ich hatte gespart und habe 6000 Dollar für den Schlepper bezahlt. Ich wollte zu Freunden nach Finnland.“ Er kommt über die Türkei nach Bulgarien, dann versteckt er sich bis Österreich mit anderen zwischen Kisten auf einem Laster, läuft von dort nach Deutschland, kommt über Neumünster nach Plön – und beschließt, alles zu tun, um Deutscher zu werden.

"Terror ist in keiner Religion geduldet"

Davon ist er noch weit entfernt. Er hat eine Aufenthaltsgestattung. Alle sechs Monate geht er mit der Angst zum Amt, ob er noch ein halbes Jahr bleiben darf. Er möchte gerne richtig Deutsch lernen. Doch der Kurs kostet 300 Euro, die Fahrkarte 140 Euro im Monat. Bassel Sekhi bekommt 304 Euro im Monat für alle anfallenden Kosten außer der warmen Wohnung. Also lernt er weiter allein, damit er irgendwann arbeiten oder noch besser eine Ausbildung zum Elektroniker für Geräte und Systeme machen kann. Bisher hat er nur Praktika bekommen. Danach wollte ein Pflegeheim ihm einen Minijob geben. Doch bisher fehlt die Genehmigung vom Amt. Immerhin wurde sein Abschluss aus dem Irak anerkannt. 84 Euro hat das gekostet. Bassel bleibt am Ball. Nach den Anschlägen in Bayern hat er in Plön eine Aktion von Flüchtlingen gegen Gewalt organisiert: „Der Terror ist in keiner Religion geduldet. Die Täter handeln nicht in unserem Namen.“

Gerne würde Bassel eine Familie gründen. „Aber heiraten darf ich ja auch nicht als Staatenloser. Warum gehöre ich nirgendwo hin?“

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