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Elias tastet sich in ein neues Leben

Ein Jahr nach der Flucht Elias tastet sich in ein neues Leben

Vor einem Jahr suchten auch in Schleswig-Holstein immer mehr Menschen vor Krieg und Verfolgung Zuflucht. Wie ist es ihnen seither ergangen? Konnten sie Fuß fassen? Welche Probleme haben sie? In unserer neuen Serie stellen wir Geflüchtete und ihre Erfahrungen vor.

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Dank Blindenstock findet sich Elias Ahmadi (16) auf dem Grundstück seines neuen Zuhauses in Kiel schon gut zurecht: „Ich will schnell viel allein können.“

Quelle: Sven Janssen

Kiel. Elias hat beim Einzug in das Schlichthaus mit seinem Vater Sonnenblumen gepflanzt. Ein Zeichen für Hoffnung und Zukunft. Auch wenn der 16-Jährige die Blumen nie sehen wird. Im November 2015 ist der blinde Junge aus Afghanistan nach Kiel gekommen. Seither kämpft er mit einer Flüchtlingshelferin darum, eine Schule zu besuchen. Doch das deutsche Hilfesystem ist auf Menschen wie Elias Ahmadi nicht vorbereitet.

 Elias ist früh durch eine Virusinfektion erblindet. Kein ungewöhnliches Schicksal in Afghanistan. Auch seine große Schwester Masum ist betroffen. Doch während ihr damit jeder Schulbesuch versagt ist, hat Elias Glück. Er darf zur Schule und fällt durch seine schnelle Auffassungsgabe auf. Ein UN-Programm ermöglicht ihm den Besuch einer Privatschule. Dort absolviert Elias, obwohl seine Eltern ihm als Analphabeten keinerlei Hilfe geben können, in jedem Schuljahr den Lernstoff von zwei Klassen. Er eignet sich Programmiersprachen an, schreibt erste Programme. Doch dann beenden religiöse Auseinandersetzungen jäh seine Schulkarriere.

Sunniten entführten jüngste Tochter

 In seinem Heimatdorf will die sunnitische Mehrheit, zu der auch die Taliban zählen, die schiitische Bauernfamilie Ahmadi nicht mehr als Nachbarn akzeptieren. Der Streit eskaliert, die Sunniten entführen die jüngste Tochter. „In einer Nacht klopfte es an unsere Tür. Mein Vater öffnete und fand einen Sack, darin die Leiche unserer kleinen Schwester. Sie war ermordet worden“, erinnert sich Elias. „Im Sack war auch ein Brief. Darin stand: Das ist erst der Anfang, erwarte auch den Tod deines kleinen Sohnes Elias. Falls du nicht möchtest, dass das passiert, musst du tun, was wir dir sagen. Sonst erlebst du auch den Tod deiner anderen Kinder. Wir wollen, dass du von hier weggehst, sonst ist unser Hass ewig mit euch.“ Elias Vater erleidet eine Herzattacke. Die Familie sieht nur eine Chance, weitere Opfer zu verhindern, und entschließt sich zur Flucht. Die Schlepper verlangen als Gegenleistung, dass ihnen der Grundbesitz der Familie überschrieben wird.

 Nach monatelanger Flucht kommen die Eltern mit Masum, Elias und Sohn Maddi (17) im November 2015 in Schleswig-Holstein an und werden Kiel zugewiesen. Während sich die Eltern und Schwester schwertun, weil sie die fremde Sprache nicht verstehen, geschweige denn lesen können, versuchen die Söhne, schnell Deutsch zu lernen und eine Schule zu finden. Doch für Elias scheinen die Hürden unüberwindbar – bis zwei Menschen dem blinden Jungen helfen.

RBZ nimmt Elias auf

 Dr. Michael Thiele vom Landesförderzentrum Sehen läuft sich die Hacken in Kiel ab, um eine Schule zu finden, die Elias aufnimmt. Das Regionale Berufsbildungszentrum Technik ist dazu bereit, doch allein schafft Elias den Schulweg nicht. Sein Bruder kann ihn nicht begleiten – die Unterrichtszeiten sind zu unterschiedlich. „Bis dahin war ich überzeugt, blind ist blind. Doch das ist nicht so“, sagt Ilona Pagel, die sich für Flüchtlinge engagiert. Sie versucht, eine Schulbegleitung für Elias durchzusetzen, und hört immer wieder: ohne Aufenthaltstitel kein Schwerbehindertenausweis, ohne Schwerbehindertenausweis kein Schulbegleitung. Die Familie hat aber nicht einmal die erste Anhörung gehabt.

 Die paradoxe Situation im Juni: Elias darf endlich wieder eine Schule besuchen, erreicht sie aber nicht. Michael Thiele und Ilona Pagel können das nicht akzeptieren: Jeden Tag bringen sie Elias zur Schule und holen ihn wieder ab. „Ich habe das trotz meiner Arbeit irgendwie geschafft und gedacht, dass das Problem nach den Sommerferien erledigt ist“, sagt Ilona Pagel. Tatsächlich hat die Familie im August die erste Anhörung. Eine Entscheidung ist aber nicht in Sicht. Also kämpfen Elias und Ilona Pagel weiter und erfahren: Selbst mit Ausweis steht Elias keine Schulbegleitung zu.

 „Das stimmt“, sagt der Kieler Sozialdezernent Gerwin Stöcken. „Wir gehen davon aus, dass Jugendliche mit einer Behinderung dann so geschult sind, dass sie allein den Schulweg bewältigen. Unser System ist auf Menschen wie Elias, die sich hier noch nicht zurechtfinden, nicht vorbereitet.“ Da müsse man etwas ändern, hätten Mitarbeiter gesagt. Überraschend wurde nun doch eine Schulbegleitung genehmigt. Allein hätte das Elias kaum geschafft. Aber er ist überglücklich. „Wenn ich hierbleiben und lernen darf, werde ich den Deutschen als Dank mein neues Programm schenken. Damit können Menschen mit verschiedenen Behinderungen miteinander kommunizieren.“

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Ein Artikel von
Heike Stüben
Lokalredaktion Kiel/SH

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