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Ein Jahr nach der Flucht Laboes Spaziergänger Khaleds Deutschlehrer
Ein Jahr nach der Flucht Laboes Spaziergänger Khaleds Deutschlehrer
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10:24 23.10.2016
Von Heike Stüben
Das Umfeld spielt die wichtigste Rolle bei der Integration, findet Khaled Zarka. Er ist deshalb froh, dass er in Laboe Menschen wie Anni Kowalski kennengelernt hat. Quelle: Uwe Paesler

Khaled Zarka kommt aus Aleppo. In der inzwischen zerbombten Stadt hat er mit seinen Eltern und Geschwistern gelebt, hat Medizin studiert und zunächst als Assistenzarzt im Krankenhaus gearbeitet. „Ich wollte Facharzt für orthopädische Chirurgie werden, doch durch den Krieg kam alles anders“, berichtet er. Weil der Arzt im Gebiet der Opposition und auch für Ärzte ohne Grenzen arbeitet, gerät er selbst in Gefahr und flüchtet 2015 über die Türkei und die Ägäis in die EU. „Ich wollte nach Deutschland, weil mir die Freiheit und Gerechtigkeit hier sehr gefallen“, sagt er. Über Bremerhaven, Neumünster und Boostedt landet er schließlich in Laboe. Eine glückliche Fügung, denn hier findet er schnell Kontakte.

Anni Kowalski, eine der Koordinatoren der Flüchtlingshilfe Laboe, Brodersdorf, Wendtorf, erinnert sich, dass sie mehrfach gefragt wurde: „Wer ist eigentlich der junge gutaussehende Mann, der immer mit einem Übersetzungsprogramm in der Hand durch Laboe läuft?“ Das war Khaled Zarka. Die Spaziergänge durch Laboe hatte er sich selbst verordnet – als Sprachtraining. „Die Umgangssprache steht nicht in Büchern. Die lernt man nur, wenn man mit Deutschen redet.“ Also spricht er immer wieder Menschen an und macht so oft wie möglich Spaziergänge mit Laboern, um dabei die neue Sprache zu trainieren. Offenbar eine gute Schule. Denn nach wenigen Monaten meldet sich der junge Arzt zum Sprachtest an – gleich auf B1-Niveau, der dritten von insgesamt sechs Kompetenzstufen beim Spracherwerb. Er besteht die Prüfung, noch bevor er im Dezember 2015 die Aufenthaltserlaubnis für drei Jahre erhält.

Spannungen mit einem fremden Syrer

Der junge Mann bekommt vom Amt eine Wohnung zugewiesen, die er sich mit einem fremden Syrer teilen muss. Doch es gibt Spannungen. Der Mitbewohner ist Raucher, hat andere Gewohnheiten und Vorstellungen. „Das war sehr schwierig.“ Khaled sucht eine andere Wohnung und findet sie auch. „Meine Vermieter sind sehr nett, wir haben viel Kontakt. Das ist ein sehr gutes Wohnen.“ Er lernt zu kochen und den Haushalt zu führen – alles Dinge, um die sich in Syrien seine Mutter gekümmert hat. Vor allem hat er in seiner neuen Wohnung die Ruhe, um weiter Deutsch zu lernen. Gerade hat sich Khaled Zarka angemeldet zur B2-Prüfung. Er wird sie bestehen, da ist sich Anni Kowalski sicher, „und das, ohne je einen Sprachkurs besucht zu haben“.

Doch Zarka ist schon beim nächsten Schritt. Er sucht nach einer Hospitation in einem Krankenhaus. „Ich will bis Ende des Jahres Erfahrungen in Innerer Medizin sammeln, vor allem die Fachsprache lernen.“ Ab Januar will er sich dann in einem neunmonatigen Kursus auf die Kenntnisprüfung vorbereiten. Denn nur wenn er diese besteht, kann er eine Approbation als Arzt in Deutschland erhalten. Natürlich, sagt er, würde er auch gerne eine Frau finden und eine Familie gründen. „Aber das muss warten. Zuerst muss ich arbeiten und für mich selbst zahlen können.“

Mehr Flexibilität und Zusammenarbeit gewünscht

Was im Rückblick gut und weniger gut gelaufen ist in seinem ersten Jahr in Deutschland? Er hätte Angst gehabt, dass er den Integrationskurs machen müsse. Das sei ein gutes Angebot für viele Flüchtlinge, aber für ihn wäre das Zeitverschwendung gewesen. Er wäre alleine schneller vorangekommen. Deshalb würde er sich mehr Flexibilität wünschen. Auch dass sich Menschen zwangsweise eine Wohnung teilen müssen, findet er verbesserungswürdig. Das schaffe unnötige Konflikte. Oft gebe es Freunde oder sogar Verwandte in der Nähe. Ein Mitspracherecht der Flüchtlinge wäre gut. Doch insgesamt, betont der Muslim Zarka, sei er sehr dankbar und froh über die vielen freundlichen und ehrlichen Deutschen. „Viele haben mir gesagt, dass sie Angst vor der Islamisierung haben. Ich möchte ihnen beweisen, dass vor mir niemand Angst haben muss.“ Ob er selbst Angst hat? Er überlegt und benutzt dann ein Wort, das er auf einem seiner vielen Spaziergänge gelernt hat: „Ich habe Angst, dass Flüchtlinge zum Sündenbock werden.“

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