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Widerstand mit feinen Strichen

Serie: Ein Jahr nach der Flucht Widerstand mit feinen Strichen

Hossein Escandari braucht Freiheit. Ohne Freiheit kann er nicht arbeiten. Der 40-Jährige ist Karikaturist. Eine riskante Kunst in einem Land, in dem so vieles verboten ist.

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Elham Izadi (links) und Hossein Escandari hoffen auf ein Leben in Freiheit in Deutschland. In Kiel haben sie eine kleine Wohnung in der Nähe der Gablenzbrücke gefunden.

Quelle: Thomas Eisenkrätz

Kiel. Unter einem Regime, das tausend Ohren und Augen hat. Im Sommer 2015 musste der Iraner mit seiner Frau Elham Izadi und dem Baby aus seinem Land flüchten. Die Familie schaffte es bis nach Deutschland. In die Freiheit, aber auch in die Ungewissheit. Doch es gibt einen Lichtblick: Der Künstler kann seine Werke erstmals in Kiel ausstellen.

 Elham Izadi spricht nicht gern über die Wochen der Flucht. In der neuen Sprache fehlen ihr die Worte für die Strapazen, die Ängste, die Bedrohungen auf dem Weg, vor allem die Sorge um das Baby. An vielen Tagen hätten sie 15 Stunden laufen müssen, lässt die Mutter den Dolmetscher übersetzen. Das Baby hätten sie abwechselnd getragen. Pausen zum Stillen hätte es kaum gegeben. „Wir wussten, dass der Weg nach Deutschland sehr hart sein wird. Aber ich würde das nicht noch einmal überstehen“, sagt die 30-Jährige, und ihr Blick irrt tränenfeucht über die Wände in dem kleinen Wohnzimmer.

 46 Quadratmeter hat die Kellerwohnung in Kiel. Durch die Fenster kann man die Füße und Unterschenkel der Passanten sehen, dahinter die Reifen parkender Autos. „Wir sind sehr dankbar, dass unsere Tochter in die Kita gehen darf. Dort kann sie toben und mit anderen Kinder spielen“, sagt der Vater, der nicht undankbar erscheinen will. Aber dass er unter der Situation leidet, ist spürbar. Die Ungewissheit, sagt seine Frau, würde so viel Kraft schlucken. „Wir wissen ja nicht, ob wir bleiben dürfen.“ Jeden Tag hoffen sie, dass der Briefträger das ersehnte Schreiben bringt: einen Termin für die Anhörung. Nach über einem Jahr wäre das der erste Schritt im Asylverfahren. Ein Zeichen, dass es weitergeht – auch wenn der Ausgang des Verfahrens offen ist.

 Immerhin hat das Paar inzwischen einen Platz im Integrationskursus bekommen. Und es kann sich zu Hause beschäftigen. Elham Izadi hat im Iran Agrarwissenschaften studiert und an einer Fachschule unterrichtet. „In unserer Heimat werden viele Kosmetikprodukte und Heilmittel aus Pflanzen hergestellt. Tees, Salben und Tinkturen hat jeder als Hausmittel zuhause. Man geht bei uns nicht so häufig zum Arzt“, erklärt sie und holt stolz ein paar kleine Beutel mit Kräutern hervor, die sie aus der Heimat mitgenommen hat. Gerne würde sie auch in Schleswig-Holstein in diesem Bereich arbeiten. „Ein Praktikum wäre toll, in einer Firma oder auf einem Bio-Hof, der sich auf Heilpflanzen spezialisiert hat.“

 Auch ihr Mann hofft auf Arbeit – und auf eine Arbeitsfläche, an der er zeichnen kann. Im Moment muss er dafür den Esstisch nutzen, erzählt er und holt seine aktuelle Arbeit aus einer Kommode: ein Bild von Angela Merkel. Keine Karikatur, sondern das Porträt einer ernst und irgendwie zweifelnd blickenden Regierungschefin. „Es ist noch nicht ganz fertig“, sagt Escandari und zeigt auf einer Plattform im Internet andere Werke. Es sind orientalische Traumwelten – der Iraner hat in einer eigenen Kunstschule Schüler auch in Malerei unterrichtet. Vor allem aber sind es Karikaturen. Eine zeigt einen Kopf im Wüstensand – über ihm eine Angel, an der ein Tropfen Wasser hängt. Wasser als Machtinstrument, der Klimawandel, Unfreiheit, das sind Themen von Escandaris Bildern. So wie die Darstellung des Fußballers, der wie ein Häftling eine Eisenkugel am linken Fuß trägt und mit dem anderen ausholt, um sich von ihr zu befreien. Eine Zeichnung, mit der der Perser einen Künstlerwettbewerb gewonnen hat. Nicht die einzige Auszeichnung für seine Bilder, die oft in feinstem Strich gezeichnet sind.

 Eine Kunst, die sich Escandari vor vier Jahren hart erarbeiten musste: Damals wurden sein rechter Unterarm und seine Hand so schwer verletzt, dass er sie nicht mehr benutzen kann. Der Rechtshänder gab nicht auf, sondern lernte, mit links zu zeichnen. Das hat auch Olaf Maaz von der Firma companyart und die Pastorin der Friedensgemeinde, Beate Harder, beeindruckt. Sie ermöglichten dem Künstler die erste Ausstellung in Deutschland. Am Sonnabend wird sie in der Heilandskirche im Beisein von Hossein Escandari eröffnet.

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