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Nicht alle sind in Sicherheit

Serie: Ein Jahr nach der Flucht Nicht alle sind in Sicherheit

Wenn Mowafak Aljasem (50) und seine Frau Hafesa Rhal (48) von ihrer Flucht vor einem Jahr erzählen, fließen die Tränen. Nicht die gefährliche Überfahrt übers Mittelmeer in dem restlos überfüllten und defekten Boot, in dem ihnen das Wasser bis zur Hüfte stand und sie „dem Tod ins Auge blickten“ war das Schlimmste.

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Vor einem Jahr nach Preetz geflohen: Vater Mowafak Aljasem (50, 2.v.li), Tochter Alaa (12), Sohn Ahmed (9) und Mutter Hafesa Rhal (48). Sie haben in Jutta von Klinggräff (86), die in der Nähe lebt und sich ehrenamtlich engagiert, eine Hilfe und Freundin gefunden.

Quelle: Sonja Paar

Preetz. Nicht die Tatsache, dass sie den Schleusern für diese nächtliche Fahrt von der Türkei nach Griechenland fast 5000 Dollar geben mussten und noch dazu die Rettungswesten teuer bezahlten, die sich im Salzwasser auflösten. Das alles ertrugen sie, obwohl die Mutter, die Tochter Alaa (12) und der Sohn Ahmed (9) nicht schwimmen können. Sie ertrugen die Todesangst, „weil wir zusammen gestorben wären“.

Tagelange Fußmärsche

Das allerschlimmste Erlebnis dagegen war, „dass wir uns verloren hatten“, sind sie sich einig. Zu dem Zeitpunkt waren sie schon in Sicherheit auf der Insel Kos. Frau und Kinder wurden sogar auf dem stundenlangen Fußmarsch vom Boot bis zur Flüchtlingsaufnahme von einer netten griechischen Familie im Auto mitgenommen. Der Vater ging zu Fuß weiter, hatte aber die meilenweite Strecke unterschätzt und steuerte eine andere Flüchtlingseinrichtung an. Die Panik stieg in ihnen auf. Nach 15 Stunden fanden sie wieder zueinander. Wenn sie davon erzählen, verlieren sie noch heute – ein Jahr danach – den Kampf gegen die Tränen.

Die anderen Umstände der Flucht trugen sie mit Fassung: Die beschwerlichen, tagelangen Fußmärsche über die Balkanroute und den großen Verlust des guten Lebens, das der Immobilienmakler Mowafak Aljasem in dritter Ehe mit seiner Frau und den kleinen Kindern in Damaskus führte. Im Jahr 2013 wurde ihm von der Regierung ein Job als Sicherheitsbeamter angeboten und damit die Aufgabe zum Töten. Wenn er ablehnte, drohte ihm selbst die Exekution. Ihm blieb also nur die Flucht. Sie dauerte zwei Jahre – über den Libanon, wo seine Kinder keine Bildung bekamen und über die Türkei, wo er keine Arbeit fand. Der einmonatige Marsch Mitte 2015 durch Europa führte die Vier schließlich bis nach Neumünster.

Noch ist nicht alles gut

Heute fühlen sie sich in ihrer neuen Heimat wohl. Sie wohnen in Preetz in einer Zwei-Zimmer-Wohnung mit Terrasse. Ihre beiden Kinder gehen in die Regelschule, der Vater besucht vormittags Deutschkurse, führt hin und wieder die Pausenaufsicht auf dem Schulhof, die Mutter arbeitet ehrenamtlich jeden Tag vier Stunden im Kindergarten. Ihre Nachmittage verbringen die Syrer im Schrebergarten, sie hegen das Gemüse und treffen Freunde. Für die Unterstützung, die er erfährt, hat Aljasem eine Botschaft auf Deutsch vorbereitet: „Dankeschön, Deutschland“, sagt er langsam und feierlich.

Es ist also alles gut? „Nein!“, so die traurige Antwort. Im Februar ist der Sohn Aljasems aus erster Ehe im Dienst als Soldat der syrischen Armee erschossen worden. „Er wurde an einen Kontrollposten beordert, an dem jeder ums Leben kommt“, berichtet sein Vater und erneut fließen Tränen. Er vermutet, sein Sohn (24) sei an diesen gefährlichen Ort geschickt worden, als Rache für die Flucht des Vaters.

Jetzt fühlt sich Aljasem verantwortlich für seine 22-jährige Schwiegertochter, die mit den drei kleinen Enkelkindern in Damaskus in Gefahr lebt: „In Syrien sind alleinstehende Frauen wie Freiwild, sie sind willkürlicher Gewalt und Sexualität ausgesetzt.“ Aljasem erzählt dies alles auf Arabisch. Seit sein Sohn tot ist, stagnieren seine Fortschritte in Deutsch und auch seine Bemühungen zur Integration. Er habe nur noch ein Ziel, berichtet Jutta von Klinggräff. Die 86-Jährige hat sich im vergangenen Jahr mit der Familie angefreundet und kümmert sich seither rührend um sie. „Mowafak möchte dringend, dass seine Schwiegertochter und die drei Enkel nach Deutschland kommen können“, erzählt sie. Noch läuft das Asylverfahren und der Familiennachzug ist eher unwahrscheinlich. „Das ist doch tragisch“, meint die alte Dame, „denn nur wenn alle vereint sind, kann die Familie ihren Frieden finden“.

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Ein Artikel von
Karen Schwenke
Lokalredaktion Kiel/SH

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