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Nur wenige erhaschen Blick auf Minister

G7-Treffen in Lübeck Nur wenige erhaschen Blick auf Minister

Das Außenministertreffen der G7 in Lübeck hat begonnen. Am Abend begrüßte Bürgermeister Bernd Saxe sechs der sieben Minister im historischen Rathaus. Allein US-Außenminister John Kerry reist erst am Mittwoch an. Bereits am Dienstag folgten 1500 Menschen dem Aufruf zur Demonstration "Stop G7". Am Abend provozierten erste Störer die Polizei.

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Polizisten sichern während des G7-Außenministertreffen in Lübeck die Zufahrt zum Markt.

Quelle: Olaf Malzahn

Lübeck. Ein großer Tag. Für Lübeck, für die Polizei, die G7-Gegner - und für Kurt. "Ich bin extra zum G7-Außenministertreffen von Hamburg angereist", sagt der 47-Jährige. Seit dem Morgen zieht er durch die Innenstadt. Von Mülleimer zu Mülleimer. Von Tonne zu Tonne. Kurt ist Flaschensammler. "Professioneller", bekräftigt er. Und Großveranstaltungen wie das Außenministertreffen sind für ihn besonders lukrativ. 100 Euro mehr am Tag als üblich fischt er sich an Leergut aus Abfalleimern zusammen. Wie viel es üblicherweise sind, das sei Berufsgeheimnis. "Nur Wacken ist noch besser", sagt Kurt und zwinkert verheißungsvoll mit den Augen.

Für Kurt begann der erste G7-Tag um zehn. Zu dieser Uhrzeit herrschte hinter den Kulissen des Willy-Brandt-Hauses bereits helle Aufregung. Japans Außenminister Fumio Kishida hatte sich zum spontanen Besuch angekündigt, auch das Buddenbrookhaus stand auf seiner Kulturliste. Eine Herausforderung für den Sicherheitsstab - und Bürgermeister Bernd Saxe. Alles war eiligst vorbereitet worden.

Spürhunde der Polizei hatten die Museen nach Sprengstoff abgesucht, Ermittler des Bundeskriminalamtes die Räume freigegeben - und dann durchkreuzte ein herrenloser Koffer die Pläne des Trosses. Aus Termingründen wurde der Termin im Willy-Brandt-Haus gestrichen. Ohnehin schien das Interesse Kishidas an Literaturnobelpreisträger Thomas Mann größer gewesen zu sein. "Viele japanische Schriftsteller haben sich von den Werken Manns inspirieren lassen", sagte er, als er von Museumsleiterin Birte Lipinski in Empfang genommen wurde. "Ich habe viele Werke von Morio Kita gelesen, für dessen Arbeiten auch der Roman ,Die Buddenbrooks' eine große Rolle gespielt hat", plauderte der Minister.

Im Eiltempo ging es durch die Ausstellung. Ein Geschenk gab es auch noch fix - eine CD mit Werken von Richard Wagner. "Der Komponist wurde von Thomas Mann hoch geschätzt, seine Musik hat ihn stark beeinflusst", sagte Lipinski - und schon war Kishida nebst seiner Berater auch schon wieder weg. Das nächste Meeting.

Stress auch bei der Polizei

Mit jeder Stunde wurden die Sicherheitsmaßnahmen verschärft, zogen mehr Hundertschaften auf die Altstadtinsel, riegelten den Markt und das Rathaus in stetig größeren Kreisen ab, postierte Räumpanzer und Wasserwerfer in der Innenstadt. Aus Sicherheitsgründen hatten viele Geschäftsinhaber am Dienstag nicht geöffnet, Sicherheitspersonal vor den Läden postiert oder ihre Schaufenster gleich mit Holz gegen Randale gesichert. Ein Ärgernis für viele Passanten: Eine Reihe von Geldinstituten hatten vorsorglich auch die Geldautomaten abgeschaltet. 

Einen Blick auf die Minister erhaschten die wenigsten Schaulustigen. Sie wurden weit von der Polizei zurückgedrängt. Immer wieder kam es zu teils hitzigen Wortgefechten, wenn offenkundig verdächtig aussehenden Passanten der Weg versperrt wurde. Auf dem Klingberg, 200 Meter Luftlinie vom Rathaus entfernt, bekamen die Teilnehmer der groß angelegten Demonstration "Stop G7 Lübeck" davon kaum etwas mit. Sie feierten. Hörten Rockmusik. Verfolgten mehr oder weniger interessiert die politischen Parolen der Redner. Füllte sich der Platz anfangs nur zögerlich, zählte die Polizei bis zum Abmarsch gegen halb sechs am Abend etwa 1800 Teilnehmer. Das Bündnis selbst sprach von 3000 Aktivisten, die mit Transparenten lautstark skandierend durch die Altstadt zog. 

Die Politiker, die nacheinander in gepanzerten Fahrzeugen durch die abgeriegelte und menschenleere Holstenstraße, eine der Hauptrouten in Richtung Altstadt, zum Rathaus chauffiert wurden, dürften von dem Protest kaum etwas mitbekommen haben. Schnurstracks ging es für die ins historische Rathaus. Im Audienzsaal gab es Rotspon, Smalltalk an Bistrotischen und Musik vom Lübecker Shantychor Möwenschiet. Bürgermeister Saxe sprach von einer großen Ehre, als Gastgeber für das G7-Treffen ausgewählt worden zu sein. Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) danke für den wunderbaren Empfang in der Stadt und lobte Lübeck als "beautiful and intelligent city".

Lübeck als Zentrum für Zusammenarbeit

"Wir sind erfreut, dass Lübeck für das G7-Treffen ausgewählt wurde, weil diese Stadt seit vielen Jahrhunderten ein Zentrum für Zusammenarbeit im Dialog ist: Hier wurde die Hanse geschmiedet. Die Menschen in Schleswig-Holstein wissen, dass wir die Herausforderungen unserer Zeit am besten in internationaler Zusammenarbeit angehen“, sagte Ministerpräsident Torsten Albig (SPD). Er hatte zuvor bereits das Lagezentrum der Polizei besucht und die "großartige Arbeit" der 3500 Einsatzkräfte gelobt. "Dieser Einsatz, der weit über die alltäglichen Verpflichtungen hinausgeht, hat unser aller Anerkennung verdient“, würdigte Albig.

Und während sich im Rathaus die Minister zum politischen Abendessen zurückzogen, versuchten Störer der Demonstration die Polizei mit Sitzblockaden zu provozieren. Nur einem war das egal: Flaschensammler Kurt. Er hatte sich rechtzeitig mit zwei großen Müllsäcken voll von Leergut davon gemacht, seine Beute in einem der Supermärkte in Bares umzusetzen. "Für mich war das ein großer Tag. Und Mittwoch geht es weiter."  

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3500 Polizisten, verrammelte Läden und nur sieben Außenminister – Lübeck zittert rund um das G7-Treffen vor Krawallmachern und gleicht einer Festung. Der Aufwand ist immens und mehrere Millionen Euro teuer, so dass sich nicht nur Bewohner der Hansestadt fragen: Ist das alles nötig? Doch Hochsicherheit hin oder her: Die G7-Runde sollte man nicht verteufeln. In Krisenzeiten ist sie als Gesprächsforum unerlässlich – auch wenn sie viel vom ursprünglichen Charme verloren hat.

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