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Prunkbau für die aufstrebende Stadt

Hauptbahnhof Kiel: Spuren aus der Kaiserzeit Prunkbau für die aufstrebende Stadt

So richtig interessiert zeigte sich der Kaiser am neuen Kieler Bahnhof nicht. Nur kurz begrüßte er am Abend des 31. Mai 1899 die Ehrengäste, die sich auf Einladung der Kieler Handelskammer zu Krebssuppe und Bachforelle versammelt hatten, um die vorläufige Eröffnung des monumentalen, repräsentativen Prachtbaus im neubarocken Stil zu feiern, bevor Wilhelm II. wieder nach Berlin entschwand. Ein Besuch seiner Jacht „Hohenzollern“ und die Einweihung eines neuen Panzerkreuzers in Kiel waren an diesem Tag anscheinend mehr nach seinem Geschmack gewesen.

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Zahlen und Fakten rund um den Bahnhof

Blick auf den Kieler Hauptbahnhof von den Gleisen aus gesehen: Von dem sechsgleisigen Kopfbahnhof fahren täglich über 240 Fern- und Regionalzüge ab oder kommen an. Um den reibungslosen Ablauf auf dem Bahnhof und auf den Schienen sicherzustellen, bedarf es einer großen logistischen Leistung vieler engagierter Mitarbeiter.

Quelle: Thomas Eisenkrätzer

Kiel. Dabei hätte das Gebäude die kaiserliche Würdigung verdient gehabt. Der Kopfbahnhof, der ab 1895 gebaut und am 1. Juni 1899 seiner Bestimmung übergeben wurde, hat sich heute zum zweitgrößten Bahnhof Schleswig-Holsteins (nach Lübeck) entwickelt. Pro Tag durchlaufen zwischen 32000 und 34000 Reisende und Besucher die Hallen. Der Bereich vor und um den Bahnhof ist der am meisten frequentierte Platz in Kiel. Mehr als 100000 Menschen sind an den Busanlagen, im Bahnhof und auf dem Vorplatz unterwegs – und das ebenfalls täglich.

Der Hauptbahnhof wurde 1889 von Baurat Ernst Schwartz großzügig geplant. Schließlich war Kiel als Reichskriegshafen eine aufstrebende Stadt. Der alte Bahnhof am Ziegelteich, 1843 bis 1846 einzig für die Verbindung von Kiel nach Altona gebaut, war dem steigenden Verkehr und dem Wunsch nach mehr Bahnlinien nicht mehr gewachsen. Ein neuer Bahnhof wurde gebraucht – und am jetzigen Standort zwischen Kaistraße und Sophienblatt gebaut. 1899 wurde der westliche Teil des sechsgleisigen Kopfbahnhofs seiner Bestimmung übergeben. Am 20. Januar 1900 wurden der Mittelbau und der östliche Teil dem Verkehr übergeben. Auf der Ostseite des Empfangsgebäudes hatten die Planer das Kaiserportal plus Treppe anlegen lassen, einen Durchgang ausschließlich für den Herrscher, kombiniert mit einer geschwungenen Auffahrt, über die Wilhelm II. auf dem kürzesten Weg zum Hafen und zu seiner Jacht gelangen konnte.

1900 wurden auch das Kaiserzimmer und die Sonderräume für die hohen Herrschaften im Bahnhof fertig: Prunkvoll präsentierten sich die Zimmer mit Empfangssaal, Räumen für den Kaiser und die Kaiserin sowie verschiedene Nebenzimmer im Ostflügel. Die Räume waren hoch vornehm ausgestattet, schließlich erwartete man häufiger fürstlichen Besuch, insbesondere den Zaren von Russland. Speziell zur Einweihung seiner Räume kam Wilhelm II. dann doch mit ein wenig mehr Zeit nach Kiel. Am 24. November 1900 wurde der Kaiser am neuen Hauptbahnhof begrüßt. Doch fertig war der damit noch lange nicht. Die Arbeiten an dem repräsentativen Bau dauerten noch bis 1911. Dann aber präsentierte sich der Kieler Hauptbahnhof in seiner ganzen Pracht: Gebäudeecken und Fenstereinfassungen aus Sandstein schmückten die Jugendstilfassade des Ostflügels. Eine halbrunde Fensterfront zierte die Nordfassade der Eingangshalle. Den Ostflügel schmückte ein Treppenturm, auf dem eine Kuppel und eine Krone angebracht waren. Besuchte der Kaiser Kiel, wehte hier seine Fahne.

Der Prunk hielt jedoch nur bis zum Zweiten Weltkrieg: 1944 wurden der Bahnhof sowie die umliegenden Prachtbauten bei einem Bombenangriff schwer beschädigt. Der Wiederaufbau erfolgte – in vereinfachter Form – ab 1950. Dabei wurde im östlichen Teil des Empfangsgebäudes ein Restaurant untergebracht, sodass die Kaisertreppe nicht mehr als Zugang nutzbar war. Das Bahnhofsumfeld wurde ab 1972 anlässlich der Olympischen Sommerspiele umgestaltet. An der Nordseite entstanden der ZOB und das Parkdeck.

Ab 1999 begann der erste umfassende Umbau des Hauptbahnhofes und seines denkmalgeschützten Empfangsgebäudes seit seiner Wiederherstellung nach dem Krieg. Innen und außen wurde der Bahnhof grundlegend verändert. „Wir haben uns jedoch so weit wie möglich an dem historischen Gebäude von 1899 orientiert“, erklärte Sabine Brunkhorst, Pressesprecherin der Deutschen Bahn AG. So wurde an der Ostseite das Kaiserportal wieder geöffnet und damit ein Ausgang zum Wasser geschaffen. Am Ostflügel sind die ursprünglichen Sandsteinverblendungen im Sockel und Erdgeschoss noch sichtbar. Den Treppenturm an der Nordostecke ziert heute statt einer Kuppel eine Glas- und Lichtsäule. Der Bahnhof erhielt zudem eine neue Empfangshalle.

Der Umbau gestaltete sich jedoch schwierig. Aufgrund finanzieller und technischer Probleme musste die Sanierung mehrfach unterbrochen werden. Im Juni 2004 konnten die Empfangshalle und der neue Vorplatz eingeweiht werden, 2006 wurde der komplett fertiggestellte Hauptbahnhof mit einem großen Fest der Öffentlichkeit vorgestellt. Die Gesamtkosten des Umbaus betrugen rund 70,5 Millionen Euro.

Die Anstrengungen haben sich gelohnt: Der Kieler Bahnhof präsentiert sich den Kielern und ihren Gästen seitdem als modernes Dienstleistungs- und Kommunikationszentrum, das nicht nur Reisende anzieht, sondern auch zahlreiche Kunden, die das Angebot und die Öffnungszeiten der Geschäfte im Bahnhof zu schätzen wissen. Der Bahnhof ist seitdem die wieder die erste Visitenkarte Kiels. Und das hätte sicher auch der Kaiser zu schätzen gewusst.

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Foto: Der Bahnhof in seiner ursprünglichen Form: Kuppeln, halbrunde Fenster und verspielter Jugendstil prägten das Gebäude.

1843 bis 1846: Erster Kieler Bahnhof am Ziegelteich. Weil er zu klein wurde, wurde der neue Bahnhof am jetzigen Standort geplant und gebaut.

1889: Beginn der Planungen für den neuen Bahnhof.

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