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Ammars Irrfahrt nach Deutschland

Kiel Ammars Irrfahrt nach Deutschland

Die Raketen schlugen ein, überall krachten Schüsse. Ammar Habo hielt es 2012 in seiner Heimatstadt Idlib im Norden von Syrien nicht mehr aus. Zusammen mit seiner Frau floh er vor den Kämpfen nach Jordanien. Nach längerer Irrfahrt ist der 29-Jährige seit Juni in Kiel, fühlt sich hier sehr wohl, möchte arbeiten – darf aber nicht, weil sein Asylverfahren noch läuft.

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Die pensionierte Lehrerin Petra Brunswig bringt Flüchtling Ammar Habo aus Syrien Deutsch bei. Dazu studieren sie auch das Veranstaltungsprogramm der Kieler Nachrichten.

Quelle: Frank Peter

Kiel . Er lernt Deutsch und kann sich dank seiner Lehrerin Petra Brunswig mittlerweile gut verständigen. Viele gefährliche Augenblicke haben er und seine jetzt schwangere Frau hinter sich. Der Krieg ist für ihn unerträglich. „Ich wollte nicht zur Armee, weil ich Menschen hätte töten müssen“, sagt Ammar Habo. Er ist ein höflicher Mensch mit guten Umgangsformen, versteht viel und kann sich schon klar ausdrücken. Mit seiner Frau floh er nach Jordanien, arbeitete dort in seinem Beruf als Apotheker, aber ohne Arbeitsgenehmigung. Nach zwei Jahren musste das Paar das Land verlassen. Zu der Zeit waren 1,5 Millionen Syrer nach Jordanien gekommen, das selbst nur sechs Millionen Einwohner hat. „In meine Heimat wollte ich nicht zurück, denn die Armee hätte mich eingezogen. Wenn ich dort nicht hingegangen wäre, hätten sie mich ins Gefängnis gesteckt“, sagt er.

Dem Ehepaar gelang es dann, einen Flug nach Algerien zu bekommen. Von dort aus sind sie mit einem Wagen durch die Sahara zu der kleinen Hafenstadt Zuwara in Libyen mitgefahren. „Illegal, weil wir keine Visa hatten“, erklärt Ammar Habo. Über ein soziales Netzwerk im Internet hat er sich vorher erkundigt, von wo aus die Schleuser die Flüchtlinge über das Mittelmeer nach Italien bringen. Wie der Syrer erzählt, gibt es zahlreiche Seiten mit umfangreichen Informationen über die Flucht. Schon vor der Stadt wurden sie von einem Schleuser angesprochen und sind mit zu ihm nach Hause gefahren. Dort hat er weitere Flüchtlinge untergebracht, bis das Boot voll war. 1000 Dollar pro Person wollte der Mann für seine Dienste haben.

Das Schiff hatte eine Länge von 18 Metern. „Es war sehr gefährlich, denn 500 Leute waren darauf“, sagt er. Zum Glück war die See ruhig, zum Glück wurden sie von der italienischen Küstenwache aufgegriffen. Und sie waren nicht die einzigen. Insgesamt waren an diesem Tag drei Boote mit mehr als 1300 Menschen auf der Flucht, die alle gerettet wurden. In Sizilien wurden nur die Personalien aufgenommen, dann durften sie nach kurzem Aufenthalt in einem Heim wieder gehen. Ammar Habo wusste schon, dass sie nach Mailand weiter mussten, der Schleuserhochburg für eine Reise nach Nordeuropa.

„Es war überhaupt kein Problem, dort Personen zu treffen, die uns weiterbringen wollten“, sagt er. Für 400 Euro pro Person nach Dänemark. Am nächsten Tag ging es in einem Kleinwagen los. Wieder waren sie nicht die einzigen. Neben dem Fahrer quetschten sich vier Erwachsene und ein Kind in das Auto. Sie fuhren Tag und Nacht durch, erst nach Frankreich, durch Belgien, die Niederlande und dann über die Grenze nach Deutschland. In Flensburg war die Reise zu Ende, als sie von Bundespolizisten gestoppt wurden. Sie stellten einen Asylantrag und kamen in die Erstaufnahmeeinrichtung nach Neumünster, in der das Paar etwa einen Monat blieb.

Dann hatten sie Glück und bekamen eine kleine Wohnung in der Heintzestraße in Kiel. „Aber Möbel haben wir nicht, die Zimmer sind ganz karg“, erzählt er. Von den 592 Euro, die er und seine schwangere Frau pro Monat bekommen, müssen sie leben. Froh ist er über sein Smartphone und Internet, denn so kann er seine Familie in Syrien kontaktieren. Doch das klappt selten, erzählt er, weil die Netzabdeckung in seiner alten Heimat schlecht ist. In Kiel fühlt er sich schon ganz wohl und möchte nicht weiter nach Dänemark, sondern hier bleiben.

Ammar Habo träumt davon, in Deutschland irgendwann wieder in seinem Beruf als Apotheker zu arbeiten. Doch bis seine Ausbildung hier anerkannt wird, muss er noch viele Hürden nehmen und sich möglicherweise weiter schulen lassen. Solange er nicht arbeiten darf, lernt er Deutsch. „Das Paar macht schnell Fortschritte. Sie sind die besten Schüler, die ich jemals hatte“, sagte Petra Brunswig und lächelt. Die pensionierte Lehrerin an einem Gymnasium in Preetz hatte über das Ehrenamtsbüro Kontakt zu den Flüchtlingen bekommen. Seit einigen Monaten unterrichtet sie die Menschen, die im Rendsburger Hof untergebracht sind.

„Jetzt habe ich ein etwa 60 Jahre altes Ehepaar auch aus Syrien. Nach mehreren Stunden sind wir beim Buchstaben L angekommen“, erzählt sie von der Basisarbeit, die sie oft absolvieren muss. Sie kennt bereits viele Flüchtlinge und weiß um deren Nöte. „Damit sie mobiler werden, wären funktionstüchtige Fahrräder wichtig“, sagt Petra Brunswig. Und für die Weihnachtszeit hat sie einen Wunsch: „Die KVG könnte doch Bustickets spendieren, damit sich die Menschen einmal Kiel anschauen können und schneller unterwegs sind.“

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Ein Artikel von
Günter Schellhase
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