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Als der Sohn zum Lebensretter wurde

Herzdruckmassage Als der Sohn zum Lebensretter wurde

Es war ein entspannter Sonntagnachmittag, erinnern sich Brigitte (61) und Claus Bahr (63) aus Kiel. Ihr Sohn Marco-André war mit der Schwiegertochter und den Enkeln zu Besuch gekommen. Ein unfassbares Glück, denn ohne ihren Sohn wäre die Kielerin heute wohl nicht mehr am Leben.

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Einst hat Brigitte Bahr ihrem Sohn das Leben geschenkt. 37 Jahre später hat Marco-André Bahr seine Mutter zurück ins Leben geholt.

Quelle: privat

Kiel. „Nach dem Essen wollten wir mit den Kindern noch zum Spielplatz gehen,“ sagt Claus Bahr, „und auf dem Weg ist es dann passiert.“

 Der Weg führt durchs Grün. Die Männer gehen vorneweg, sind ins Gespräch vertieft, dahinter folgt die Schwiegertochter und zuletzt Brigitte Bahr mit den Enkeln Pia und Jonas an der Hand. „Ich weiß noch, dass ich zu den Kindern sagte: Mir ist schwindlig.“ Dann sackt sie zusammen, schlägt mit dem Gesicht ungebremst auf den Kantstein. Die Schwiegertochter hört die Kinder rufen, bekommt den Aufprall mit und ruft erschrocken: „Brigitte liegt auf der Straße.“ Mann und Sohn laufen zurück und sehen Brigitte Bahr scheinbar leblos dort liegen, das Gesicht dunkelblau angelaufen, die Augen merkwürdig verdreht. Ein Anwohner kommt zur Hilfe und bringt eine Decke. „Ich stand völlig neben mir. Es war, als würde ich einen Film sehen und nicht dazugehören“, sagt Claus Bahr.

 In Erster Hilfe geschult

 Doch zum Glück ist der Sohn dabei. Als Zivildienstleistender hat er im Fahrdienst der Malteser gearbeitet. Dafür wurde er auch in Erster Hilfe geschult. Aber das ist viele Jahre her. „Ich meine, ich konnte noch einen schwachen Puls bei meiner Mutter fühlen. Aber ich sah, dass es ernst ist. Deshalb habe ich sofort 112 gewählt“, sagt der 37-Jährige. Dabei ist ihm bewusst: Jetzt zählt jede Minute. Er kann nicht darauf warten, bis der Rettungswagen am Stadtrand von Kiel ist. Jetzt kommt es auf ihn selbst an. Er muss handeln. Aber er bekommt Hilfe – aus der Ferne.

 „Ich habe mein Handy auf Lautsprecher geschaltet. So konnte ich den Mitarbeiter in der Rettungsleitstelle hören.“ Und der Disponent in der Rettungsleitstelle bestärkt und leitet ihn. „Als ich mit der Herzdruckmassage begonnen habe, hat er den Takt vorgegeben. Das hat mir wirklich sehr geholfen. Das gibt Sicherheit und Kraft.“ Der Sohn drückt seiner Mutter tief, schnell und kraftvoll aufs Herz. Ausdauernd, gleichmäßig. Bis plötzlich ihre Gesichtsfarbe schlagartig ins Rosige wechselt. Brigitte Bahr lebt. Sie stellt die Augen gerade und sagt: „Ich will aber nicht ins Krankenhaus.“ Dann kommt der Rettungswagen.

 „Das verdient höchsten Respekt“

 Später warten Sohn und Ehemann im Krankenhaus auf den Befund. „Irgendwann kam der Arzt zu uns, gab meinem Sohn die Hand und sagte: Ich möchte Sie beglückwünschen. Sie haben durch die Herzdruckmassage ihre Mutter wiederbelebt und ihr damit das Leben gerettet. Das verdient höchsten Respekt.“ Und der Arzt ließ keinen Zweifel daran, dass er solche Sätze nur selten sagen kann. „Und auch wir sind unserem Sohn dankbar, dass er so geistesgegenwärtig und absolut richtig gehandelt hat, das war ein großes Glück“, sagen die Eltern.

 Das Erlebnis hat die Familie geprägt. „Man hört stärker auf seinen Körper. Ich wusste ja, dass ich Herzrhythmusstörungen hatte. Beim Treppensteigen kam ich schnell mal aus der Puste. Aber wir Frauen denken ja: Es geht schon irgendwie und wollen funktionieren“, sagt Brigitte Bahr, die einen Herzschrittmacher bekommen hat und heute drei Mal in der Woche eine Stunde Nordic Walking macht. Claus Bahr zog auch seine Lehre. „Das hat mich wirklich erschreckt. Ich wollte nicht das Gefühl haben, dass ich in Zukunft nicht richtig reagieren kann.“ Zusammen mit seiner Frau, aber auch mit Tochter und Schwiegersohn hat er deshalb die Aktion von Kieler Nachrichten und UKSH genutzt und einen der kostenlosen Kurse „Leben retten!“ besucht. „Jeder“, ist er überzeugt, „sollte diese Situation gedanklich, aber auch ganz praktisch durchspielen.“

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Ein Artikel von
Heike Stüben
Lokalredaktion Kiel/SH

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