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Flüchtling wird zum Lebensretter

Auf der Terrasse Flüchtling wird zum Lebensretter

Der Tag, an dem Ashot Babakhanyan zum Lebensretter wurde, liegt rund zwei Monate zurück. Aber wenn er über das dramatische Geschehen spricht, treten ihm noch immer Tränen in die Augen. Peter Tews scheint dann fasst ein bisschen mit seinem Glücksengel zu leiden.

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Peter Tews und sein Lebensretter Ashot Babakhanyan (links) mit Familie.

Quelle: Gerhard Müller

Blumenthal. Ashot Babakhanyan und Peter Tews – das ist eine Geschichte nach dem Motto „Wie das Leben so spielt“. Und dass diese Geschichte für Tews nicht tödlich endete, ist etlichen glücklichen Umständen zu verdanken.

Die Geschichte beginnt vor mehr als zwei Jahren. Ashot Babakhanyan, ein studierter Agraringenieur, ist in seiner Heimatstadt Eriwan ein leitender Mitarbeiter der Militärpolizei, doch es gibt, wie er erzählt, ein „politisches Problem“. Der damals 28-Jährige beschließt, mit seiner Frau Ani, einer Juristin, und dem kleinen Sohn Samvel zu fliehen. Sie fliegen nach Kaliningrad, zahlen einem Schlepper 5000 Euro, und werden am 21. März 2015 in einem Lkw, versteckt hinter Möbeln, nach Hamburg geschmuggelt. Im Aufnahmelager Neumünster erfährt Blumenthals Bürgermeisterin Heike Topp vom Schicksal der jungen Familie, und nun kommt Peter Tews ins Spiel.

Heike Topp weiß, dass ihr Vorgänger in diesem Amt eine Ferienwohnung besitzt, die gerade leer steht. Sie fragt Tews, der fragt seine Frau Lieselotte, und das Ehepaar beschließt, der Flüchtlingsfamilie zu helfen. Nach 21 Tagen im Aufnahmelager kommen die Babakhanyans in Blumenthal an. „Sie hatten zwei Koffer dabei und waren ganz schüchtern. Als sie die Wohnung gesehen haben, haben sie geweint“, erinnert sich Peter Tews an diesen Moment, als wäre es gestern gewesen. Aus diesem glücklichen Moment sind Monate des Glücks geworden – für alle Beteiligten. Ani und Ashot Babakhanyan lernen schnell Deutsch, im September 2015 kommt ihr zweiter Sohn Gagik zur Welt, die lern- und hilfsbereiten Eheleute finden Anschluss, und ihre Vermieter werden für die beiden kleinen Söhne zu Oma und Opa. „Wir dachten zunächst, na ja, vielleicht klappt das ein halbes Jahr, aber die Chemie hat einfach gestimmt“, sagt der 82-Jährige, der fünf Enkel und drei Urenkel hat, und sich über den quirligen Familienzuwachs freut.

Dann kommt der 17. Juli 2017. Peter Tews sitzt auf der Terrasse und beobachtet die Ziervögel in der Voliere. Plötzlich wird ihm schwarz vor Augen, er verliert das Bewusstsein. Seine Frau ist völlig hilflos und ruft Ashot Babakhanyan, der gerade den Rasen mäht. Ein Glücksfall, dass der Armenier schon in seiner Heimat mit lebensrettenden Maßnahmen vertraut war. Außerdem hat er im September 2016 den deutschen Führerschein erworben und seine Kenntnisse in einem Erste-Hilfe-Kursus aufgefrischt. „Ich habe sofort mit Herzdruckmassage begonnen und zu Oma (er nennt Lieselotte Tews so) gesagt, sie soll die 112 anrufen.“ Als der Notarzt sieben Minuten später mit dem Hubschrauber landet, hat Babakhanyan, den alle in Blumenthal Nurek nennen, das Herz von Peter Tews wieder zum Schlagen gebracht: „Der Arzt hat mir gesagt, dass ich ohne Nurek nicht mehr leben würde. Oder wenn, dann nur mit erheblichen Schäden“, sagt Tews. Der 82-Jährige ist ein Kämpfer. Er arbeitete als Sachverständiger für Baukräne und erlitt 1980 bei einem unverschuldeten Arbeitsunfall eine inkomplette Querschnittslähmung. „Ein Jahr später fuhr ich im Rollstuhl aus der Rehaklinik, und der Professor sagte mir, dass ich den ich nie mehr verlassen würde.“

Doch das SPD-Mitglied („Bei meinen Wahlen in Blumenthal hatte ich immer über 70 Prozent“) lernte wieder zu laufen. Auch der Herzstillstand wirft ihn nun nicht aus der Bahn: „Ich habe eine Herzmuskelschwäche und werde noch einen Herzschrittmacher kriegen, aber ich weiß vor allem: Ich habe sehr viel Glück gehabt.“ Sein Glück heißt Ashot Babakhanyan. Seine Frau und er hoffen, als politische Flüchtlinge anerkannt zu werden und somit Arbeit zu finden. Ihre armenischen Uni-Abschlüsse werden hier nicht anerkannt, aber sie sind bereit, sich fortzubilden. Bis dahin gilt für Ani: „Ich bin sehr froh und dankbar, dass wir hier in Sicherheit leben können.“ Ihr Mann lächelt: „Wir sind hier eine große Familie, wir haben sehr viel Glück gehabt mit Oma und Opa.“

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Gerhard Müller
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