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Das weltweit führende Hämatologie-Labor

Monika Brüggemann Das weltweit führende Hämatologie-Labor

Für so gut wie alles gibt es Fachleute. Und so mancher Experte wohnt Tür an Tür mit uns, ohne dass wir es wissen. In unserer Serie wollen wir sie vorstellen. In dieser Folge berichtet die Leiterin des Hämatologie-Labors des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein am Campus Kiel über ihre Arbeit.

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Zwischen Wissenschaft und Kunst

Frauen stellen in dem Labor die klare Mehrheit: Hier steht mit einem Teil ihres Teams (von links) Monika Brüggemann, neben Chemielaborantin Kristin Schröder, BTA Judith Baumgarten und MTLA Lada Henseleit in der Vielfarben-Durchfluss-Zytometrie.

Quelle: Sven Janssen

Kiel. Die zeitlichen Kategorien „früher“ und „damals“ bekommen in Monika Brüggemanns Reich eine neue Bedeutung. Hell und rein wirkt dieses Reich, das sich über 1000 Quadratmeter auf drei modernisierten Etagen erstreckt, in einem Gebäude von 1890, das im Langen Segen steht und in der von Kiel ausgehenden Novemberrevolution 1918 eine Rolle spielte. Die jung wirkende Professorin und Fachärztin für Laboratoriumsmedizin erklärt gerade im vierten Stock „die unspektakulär aussehenden, aber in der Tat spektakulären Sequenziergeräte. Sie können Erbinformationen von etwa 20 Millionen DNA-Bruchstücken gleichzeitig ablesen.“ Der US-Amerikaner Craig Venter hatte einige Jahre gebraucht, um als Erster das Genom eines Menschen zu entschlüsseln. Damals, 2001, war das. Heute braucht man dafür eine Woche.

Ungefähr damals, 1998, kam Brüggemann mit Prof. Michael Kneba aus Göttingen nach Kiel. Er wurde Direktor der UKSH-Klinik für Innere Medizin II mit den Schwerpunkten Hämatologie (für Erkrankungen des Blutes) und Onkologie (Krebsheilkunde). Zu dieser Klinik, die lange ins Städtische Krankenhaus Kiel ausquartiert war, gehörte ein wissenschaftliches Labor. „Wir haben angefangen mit drei Medizinisch-technischen Assistentinnen“, berichtet Brüggemann, „und waren immer translational tätig.“ Was bedeutet, dass medizinische Forschung in klinische Anwendung übersetzt wird. „Die von uns entwickelten Methoden haben mittlerweile national und international Eingang in die hämatologische Spezialdiagnostik gefunden.“

Männer sind in der Minderzahl

Heute ist Kneba, 67, nach wie vor Klinikdirektor, seine II. Med wieder auf dem Campus des UKSH, das Hämatologie-Labor noch nicht, aber seit 2015 eine eigene Kliniksektion und Brüggemann, 49, deren Leiterin. „Wir haben mittlerweile 35 MTA und sind mit Ärzten, Biologen, Bioinformatikern, Mathematikern, Chemikern, Doktoranden und Sekretärinnen 60 Leute.“ Männer sind in der Minderzahl.

„Sehr unterstützt haben uns“, sagt die Professorin, „der UKSH-Vorstandsvorsitzende Prof. Jens Scholz und der Dekan der Medizinischen Fakultät der CAU Prof. Ulrich Stephani“, als es um die Suche nach einem Interimsgebäude in UKSH-Nähe und dessen Umbau gegangen sei. Allerdings sei dieses Labor, das frühestens 2019 in den Forschungsneubau an der Feldstraße ziehen soll, auch ein Juwel. Der zweite Stock ist der Probenvorbereitung und der Vielfarben-Durchfluss-Zytometrie vorbehalten. Der dritte Stock heißt Prä-PCR-Bereich oder Pipettier-Etage, weil „hier DNA mit Reagenzien zusammenpipettiert wird“. Der vierte Stock ist der Post-PCR- oder Sequenzierbereich. Auf strikte Trennung wird geachtet: Vervielfältigungen von DNA-Bruchstücken, die Amplifikate, haben im dritten Stock nichts zu suchen.

Weiße Fenster, weiße Regale, weiße Kühlschränke bestimmen das lichte, aufgeräumte Klima in den Labors, den Büros der MTA und Wissenschaftler, im Sekretariat und Konferenzraum. Nur die Böden sind sehr hellgrau.

Analyse der minimalen Resterkrankung

Weltweit führend ist das Hämatologie-Labor Kiel in der spezifischen Analyse der minimalen Resterkrankung, also möglicher, nach einer Therapie überlebender Tumorzellen. „Für die akute lymphatische Leukämie, die ALL, sind wir das nationale Referenzzentrum für die Analyse der MRD, der minimal residual disease“, sagt Brüggemann. „Wenn wir mit konventionellen Methoden keine Tumorzellen mehr finden, dann sehen wir uns mit der Durchfluss-Zytometrie Blut- und Knochenmarkszellen genauer an oder mit den molekulardiagnostischen Methoden die Erbinformationen. Wir finden eine böse Zelle unter 100000 guten.“

Brüggemann, geboren in Marsberg im Sauerland als jüngste von vier Töchtern eines Lehrerehepaars, ist die erste Medizinerin in der Familie. Mit ihrem Mann, Dr. Tom Vieler, Oberarzt an der UKSH-Klinik, hat sie drei Kinder von 18, 15 und sieben Jahren. „Wir konnten und können uns unsere Aufgaben gut aufteilen“, berichtet die Professorin, die mehrere Jahre in Teilzeit arbeitete.

„Ich finde“, betont sie, „meinen Beruf auch nach vielen Jahren immer noch sehr spannend, gerade die Kooperation in internationalen Forschungsgruppen. Es ist wichtig, dass wieder mehr junge Mediziner auch wissenschaftlich tätig sind, denn sie können klinische Aspekte mit den Ergebnissen der Forschung unmittelbarer verknüpfen.“

Viele Proben sind nicht aus dem Land

Krebs entwickelt sich aus normalen Zellen. Ursache ist eine Veränderung der DNA. Diese Mutationen aufzuspüren, ist Zweck der hochspezialisierten Einrichtung für Leukämien und Lymphome. „Bestimmte Mutationen sind inzwischen zielgerichtet behandelbar“, sagt Fachärztin Monika Brüggemann. „Die erste Erkrankung, bei der eine zielgerichtete Therapie gegen die genetische Veränderung eingesetzt werden konnte, ist die chronisch-myeloische Leukämie, CML. Früher verlief die CML ohne Knochenmarkspender und ohne Stammzellentransplantation praktisch immer tödlich. Heute nehmen CML-Patienten lebenslang Tabletten und haben dadurch eine weitgehend normale Lebenserwartung.“

Oft erfolge die Behandlung der Patienten im Rahmen von Studien, „für die wir die Referenzdiagnostik durchführen, entweder mit anderen Unis oder mit der Industrie“. Etwa ein Viertel aller im Labor untersuchten Proben stammen aus Schleswig-Holstein, drei Viertel aus dem übrigen Deutschland und der Welt.

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