11 ° / 5 ° Regenschauer

Navigation:
"Ich habe gar kein Auto"

Straßenbahn-Experte "Ich habe gar kein Auto"

Für so gut wie alles gibt es Fachleute. Und so mancher Experte wohnt Tür an Tür mit uns, ohne dass wir es wissen. In unserer neuen Serie wollen wir sie vorstellen. In unserer Auftaktfolge stellen wir Ihnen Jürgen Branat vom Vereins „Freunde der Straßenbahn, Kiel“ vor.

Nächster Artikel
Andree Lohse und "sein" Paternoster

Jürgen Branat am Steuer der Straßenbahnnummer 241. Seit 2003 rollt der Wagen über die kleine Trasse am Schönberger Strand. 

Quelle: Frank Peter

Kiel/Schönberger Strand. An die Straßenbahn-Linie 2, die einst Hasseldieksdamm mit der Universität verband, hat er nur vage Erinnerungen. Als sie 1969 stillgelegt wurde, war Jürgen Branat gerade mal sechs Jahre alt. Wann sich das erste Mal in seinem Leben ein paar Tage lang alles um Straßenbahnen gedreht hat, weiß er hingegen noch ganz genau. „1976 fand ein Treffen aller deutschen Eisenbahn-Vereine in Kiel statt“, erzählt er. „Und damals hat es dann auch Sonderfahrten mit der Straßenbahn gegeben.“ Das Schlüsselerlebnis.

Sein Vater war großer Eisenbahnfan und nahm seinen Sohnemann kurzerhand mit. Und auch sonst haben die elterlichen Prägungen so einiges zu seiner Leidenschaft beigetragen: „Mein Vater hatte nie ein Auto, und auch ich habe keins. Ich habe ja noch nicht einmal einen Führerschein.“ Klar, man ist immer mit der Straßenbahn gefahren im Hause Branat. Lange sollte das jedoch nicht so bleiben: Schon beim Treffen der Eisenbahnfreunde stand fest, dass die letzte Kieler Linie Mitte der 80er-Jahre eingestellt werden soll. „Und das fand ich irgendwie schade.“

Als Jugendlicher führte er über die Traktionen Buch

Die Kieler Straßenbahnen wurden vielleicht gerade deshalb rasch zu Branats liebsten Freizeitbeschäftigung. Schon bald kannte er alle Straßenfahrer mit Namen. „Auf der Linie 4 waren wochentags 17 Wagen im Einsatz, am Wochenende waren es elf“, erinnert er sich. Drei Züge standen jeweils am Endpunkt – und hier stand fast auch jeden Tag der junge Jürgen Branat. Er klönte mit den Fahrern und führte penibel Buch darüber, welche Bahnen mit welchen Beiwagen an welchem Tag eingesetzt wurden.

Doch dann begann für ihn der Ernst des Lebens. Beruflich konnte er bei der Kieler Straßenbahn angesichts ihres absehbaren Endes nichts mehr werden. Und Straßenbahnfahrer wollte er eigentlich nie werden. Stattdessen setzte er ganz auf seine künstlerische Ader, fing 1984 bei der Technischen Marineschule an und wurde technischer Zeichner. Seine zeichnerische Begabung nutzte er auch für sein Hobby: Dicke Aktenordner mit detaillierten Zeichnungen von Straßenbahnen hat er bei sich zu Hause, und etliche davon hat er natürlich selbst angefertigt.

"Ohne eine Stadtbahn geht es nicht"

Dass sich ihr Mann mehr und mehr im Kieler Straßenbahn-Verein engagieren würde, war nur eine Frage der Zeit. Heute ist er dessen Vorstandssprecher und kann selbstverständlich auch viel über die Vereinsgeschichte erzählen – und die Projekte, die man gemeinsam gestemmt hat. Den Triebwagen mit der Nummer 241 aufwendig zu restaurieren und wieder fahrbereit zu machen, war eines davon. Der Erhalt von Originalfahrzeugen der Straßenbahn für die Nachwelt ist „eines der Hauptziele – wenn nicht gar das Ziel aller Vereinsziele“. Man setzt sich aber mit genauso viel Verve für den Neubau einer Stadtbahnlinie ein: „Ohne sie geht es nicht“, sagt Branat. „Schauen Sie sich doch die Uni an, immer neue Linien werden eingerichtet, und doch bekommt man die Leute da nicht weg.“

Jahreszahlen, Besonderheiten, Anekdoten – es gibt kaum etwas, was Branat nicht über die Kieler Straßenbahn zu wissen scheint. Etwa, dass der beige Farbton der Kieler Straßenbahn nicht irgendeiner ist – überall sonst ist es die RAL-Farbe 1001, nur in Kiel ist es RAL 1014! Aber in einer Frage muss selbst unser Experte passen: warum in Kiel die Gleise mit der ungewöhnlichen Spurweite von gerade einmal 1100 Millimetern verlegt wurden. „Einige sagen, die Straßen waren so eng“, sagt er. Andere verweisen darauf, dass der Abstand auf die Umrechnung von britischen Fuß und Zoll in metrische Maße zurückgeht. „Letztlich muss man aber sagen: Wir wissen es nicht.“

Nächster Artikel
Ein Artikel von
Thomas Paterjey
Lokalredaktion Kiel/SH

Mehr aus Kieler Experten 2/3