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Laubenpieper hinter hohen Häusern

„Baublock Gellertstraße“ Laubenpieper hinter hohen Häusern

In Stadtwüsten mit ihren asphaltierten Straßen, zubetonierten Flächen und in all der Hektik des städtischen Alltags sehnen sich Menschen nach Oasen. Brigitte und Lothar Schwellnus haben ihr Refugium schon vor mehr als 40 Jahren gefunden: eine grüne Oase mitten in Kiel.

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Früher spielten hier ihre Kinder und Enkel in der Sandkiste, heute zieht Brigitte Schwellnus an diesem Platz ihres Gartens duftende Kräuter groß.

Quelle: Susanne Blechschmidt

Kiel. Von vier Seiten umgeben von den Rückseiten schmuckloser Mehrfamilienhäuser. Deren hohe Mauern umsäumen die quadratische Idylle „Baublock Gellertstraße“, eine 16 Parzellen große Schrebergartenanlage des Kleingärtnervereins Kiel von 1897. Eine davon pflegt das Ehepaar mit Liebe.

 Die knapp 3500 Quadratmeter Fläche der gesamten Anlage überraschen: Nur wenige Meter vom vielbefahrenen Hasseldieksdammer Weg entfernt, dringt kaum ein Geräusch hinein ins Grün, Bäume spenden Schatten, Beete und Lauben sind bunte Farbtupfer. Am späten Vormittag hockt Brigitte Schwellnus (73) in ihrem Kräuterbeet. Rosmarin und Thymian duften hier, Bienen tauchen in die himmelblauen Blüten der Borretschstaude ein. „Ich hol mal eben die Kräuter für unser Mittagessen“, erklärt sie. Ein paar Meter weiter ist Ehemann Lothar (74) „am Puzzeln“.

 Schon seit Jahrzehnten wohnt das Ehepaar direkt um die Ecke. „Deshalb sind wir auch täglich im Garten. Morgens arbeiten wir ein wenig, mittags sind wir im Schatten auf der Liege“, berichten die Stadtgärtner und fügen hinzu: „Der Garten hält uns jung.“ Sie genießen ihre Rente, die Ruhe und die Zeit, die im Garten Früchte trägt. „Wir haben Kartoffeln, Bohnen, Schalotten, die Kräuter, Rosenkohl und Tomaten“, zählt Lothar Schwellnus auf, und sein Zeigefinger wandert über die Themenbeete vom Kräuterhügel „für die Insekten“ vorbei an Schlehe, Fliederbeere und Hagebutte „nur für die Vögel“ hin zum Gemüsebeet und den Blumenbeeten mit dem prallen Phlox und den prachtvollen Dahlien. Ein Bauerngarten, wie er auf dem Lande nicht schöner sein könnte.

 „Früher hatte ich nicht so viel Zeit für den Garten“, erzählt Lothar Schwellnus, der im Berufsleben als Maler mit seinem Bruder für den gemeinsamen Meisterbetrieb viel unterwegs war, „da musste man den Giersch schon mal hoch wachsen lassen“. Kaum vorstellbar in diesem gepflegten Kleinod von 320 Quadratmetern. „Eigentlich wollten wir gar nicht, wir waren ja noch jung“, berichtet er, „aber meine Mutter hatte drauf gedrungen, den Garten zu nehmen. Und es war eine gute Entscheidung“, sagt Lothar Schwellnus, denn in der Stadt ohne einen Garten zu sein, könne er sich heute gar nicht mehr vorstellen. Nach einem VHS-Kursus „Gärtnern ohne Gift“ ging er komplett auf die Öko-Seite. Deshalb sind jetzt aber leider auch die kleinen Buchsbaumhecken, „die neuerdings überall kahl werden“, und die Shalom-Rose mit den von Sternrußtau gezeichneten Blättern „dem Tode geweiht“, denn auf Gift wird nun einmal verzichtet. Hier in der Stadt.

 In solch einer Idylle kann man durchatmen und sich erholen. Das findet auch Uwe Treder (71) von der Parzelle gegenüber, der oft zum Klönschnack vorbeischaut. Auch er ist städtischer Kleingärtner mit Leib und Seele. „Es gibt immer was zu tun. Ich bin für die groben Sachen zuständig, das Heckeschneiden und das Rasenmähen. Meine Frau macht die Beete.“ Dazu kommen die Stangenbohnen, die schon an der Rankhilfe hochgeklettert sind und jetzt knallrote Blüten tragen. Später muss der Ertrag von zehn Kilogramm für die Suppe geschnippelt werden. Auch Hokkaido-Kürbisse reifen heran. „Früher hatten wir noch Erdbeeren und Gurken, aber das wird uns beiden zu viel. Mehr möchte ich nicht mehr unter dem Spaten haben.“ Vor dem Gemüsebeet breitet ein Boskop seine Äste aus. Die Früchte werden riesengroß“, sagt Treder. 30 Kilogramm bringt er jedes Jahr zum Mosten. Könnte nicht jeder Hinterhof so sein?

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Ein Artikel von
Susanne Blechschmidt
Lokalredaktion Kiel/SH

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