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Die Äpfel reifen auch zu Therapiezwecken

Kieler Hinterhof-Serie Die Äpfel reifen auch zu Therapiezwecken

Das klingt wenig einladend. Doch die Flächen hinter den Häusern haben oft viel Potenzial und werden zunehmend als Lebensraum entdeckt. Wie vielfältig Kieler ihre Höfe gestalten und nutzen, das zeigt die Serie „Hinterhof-Geschichten“.

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Eine urbane Oase in der Kleiststraße

Idyll hinter dem Haus in der Iltisstraße 35. Das Gebäude im Hintergrund war früher einmal eine Kohlenhandlung.

Quelle: Martin Geist

Kiel-Gaarden. Denn hinter vielen Häuserfronten verbergen sich oft unerwartet lauschige Plätzchen, kleine Unternehmungen oder Orte der Begegnung. Mit dem Hinterhof des Hauses Iltisstraße 35 beenden wir unsere Sommerserie. Die Bezeichnung Hinterhof ist im Grunde untertrieben. Locker um die 250 Quadratmeter umfasst das Grün an der Rückseite des Hauses Iltisstraße 35. Und jeder Quadratmeter ist – nicht nur gestalterisch, sondern auch inhaltlich – gut angelegt. Den verborgenen Garten nutzen zehn Frauen und Männer, die in einer Hausgemeinschaft für Menschen mit Demenz leben.

Auf den ersten Blick ist die Fläche richtig hübsch und richtig groß. Hingegen deutet sich bei genauerem Hinsehen an, für wen sie gedacht ist. Vor der liebevoll sanierten Fassade eines am Hofrand stehenden Häuschens, das einmal eine Kohlenhandlung war und im Innern noch von Handwerkern wachgeküsst werden will, befindet sich eine an vierkantigen Hölzern baumelnde Wäscheleine. Hemden, Handtücher und allerlei mehr trocknet daran im lauen Septemberwind. Und Erinnerungen leben auf.

Äpfel aus therapeutischen Gründen

„Die Wäsche im Freien aufhängen, dass kennen unsere Bewohnerinnen und Bewohner von früher“, erläutert Hausleiterin Martina Al-Sahli. Und auf Impulse, die bei Demenzkranken oft noch intakte Erinnerungen an deutlich frühere Zeiten wecken, setzt die von der gemeinnützigen Paritätischen Pflege Schleswig-Holstein GmbH getragene Einrichtung im Innern wie im Außenbereich.

Überhaupt: die Natur. Sie spielte in der Kindheit der 70 bis 90 Jahre alten Leute aus der Iltisstraße eine große Rolle, sei es als Spielplatz oder als Quelle von Lebensmitteln. Und so reifen denn auch ein bisschen aus therapeutischen Gründen Äpfel und Tomaten vor sich hin. So ernten die Bewohner Kräuter, die sie anschließend in der Küche verarbeiten, um hernach ordentlich Appetit beim Essen zu entwickeln.

Dass die gepflasterten Wege im Hinterhof keine eckigen Stellen haben, ist ebenfalls kein Zufall. „Gerade Demenzkranken vermitteln runde Formen das Gefühl von Harmonie“, weiß Martina Al-Sahli und erzählt, dass der Garten in der Iltisstraße an schönen Tagen wie ein zweites Wohnzimmer ist. Die einen schnappen einfach für sich allein frische Luft, die anderen gehen zusammen mit Betreuungskräften hinaus, um zu spielen, zu basteln, Musik zu machen oder Bewegungsübungen zu absolvieren. Und dann dient der grüne Hinterhof natürlich auch zum Feiern. In kleinerem Maßstab immer mal wieder bei Grillpartys oder einmal im Jahr beim traditionellen Sommerfest für Bewohner und Angehörige.

Ein Hinterhof als Türöffner

So schick wie jetzt war der Hof allerdings nicht immer. Als die Brücke Schleswig-Holstein das Haus vor sechs Jahren kaufte, sanierte und für den gewünschten sozialen Zweck umbaute, sah es hinterm Haus eher gräuslich aus. Es erforderte viel Arbeit und so manchen Akt von Nachbarschaftshilfe, ehe der heutige Zustand erreicht war. Dass dieser Zustand erhalten bleibt, ist vor allem das Verdienst von Steffen Fritz. Der junge Gaardener kümmert sich einmal in der Woche ehrenamtlich um die Grünanlagen und wird von Hausleiterin Al-Sahli als „echter Glücksfall“ gepriesen.

Für die Hausgemeinschaft Iltisstraße wirkt der hübsche Hinterhof darüber hinaus auch als Türöffner. „Ach, das würde man ja nie vermuten“, schwärmen Leute, die zum ersten Mal kommen, in schöner Regelmäßigkeit. Solche Worte sind zwar zu Hinterhöfen häufig zu hören, in diesem Fall sind sie aber besonders bedeutsam. Interessenten für Wohnungen kommen aus dem ganzen Stadtgebiet, und so manche von ihnen haben erst einmal Vorbehalte, sich auf den Stadtteil Gaarden einzulassen.

Oft können diese Vorbehalte dann doch überwunden werden. Denn neben dem Garten punktet die paritätische Pflege mit modernen Wohnungen, viel Gemeinschaftsfläche – und auch mit den Nachbarn. Die nämlich haben die dementen Bewohner aus der Iltisstraße genau im Blick und zeichnen sich immer wieder durch auffällige Hilfsbereitschaft aus. Vielleicht, so meint Martina Al-Sahli, ist gerade das typisch Gaarden: „Ich weiß nicht, ob das in anderen Stadtteilen auch so wäre.“

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