9 ° / 0 ° Regenschauer

Navigation:
Das nur wenig bekannte Kleinod

Serie: Hinterhof-Geschichten Das nur wenig bekannte Kleinod

Selbst eingefleischten Kielern kann es passieren, dass sie achtlos an den roten Klinkerbauten an der Paul-Fuß-Straße vorbeilaufen, ohne zu ahnen, dass sie zu einem architektonischen Kleinod gehören – dem Marineviertel. Ursula und Walter Tank dagegen wissen um die Bedeutung des Areals zwischen Holtenauer-, Fichte-, Schill-, Kleist- und Niebuhrstraße mit insgesamt fünf Innenhöfen.

Voriger Artikel
Neugierige Passanten mitten im Garten
Nächster Artikel
Eine urbane Oase in der Kleiststraße

Das Marineviertel bietet Lebensqualität: Andrea Scheffler liebt das Leben im Innenhof, in dem sie selbst aufgewachsen ist. Heute lebt sie mit ihrer Familie im Haus direkt neben ihren Eltern.

Quelle: Volker Rebehn

Kiel. Sie leben bereits seit April 1966 in ihrer Zweieinhalb-Zimmer-Wohnung auf 60 Quadratmeter in einem der später gebauten Blöcke, die nach dem Zeitgeist gegen 1930 eher streng und schmucklos gebaut wurden – ohne Putten samt Füllhörnern, Sternen, Hänsel- und Gretelfiguren auf der Vorderfront wie bei den anderen früher entstandenen Gebäuden: „Hier ist es schlicht und einfach“, sagt der 82-Jährige und wirkt sehr zufrieden damit.

Ein Blick aus dem Wohnzimmer zeigt weit und breit grünen Rasen mit Bäumen, dazwischen Wäschestangen, der Blick aus der Küche bleibt an einem ausufernden Kastanienbaum hängen. Dass das Paar damals in die erste Etage mit Ofenheizung für eine Miete von 99 Mark einziehen konnte, hatte es Tanks Beruf als Maschinenschlosser bei der früheren Bundesanstalt für Milchforschung zu verdanken. Damals vermietete der Bund nur an seine Bediensteten, heute vermietet die Firma Vonovia im Marineviertel rund 670 Wohnungen.

Es ist und bleibt für die Tanks, die ihr gesamtes gemeinsames Leben in der Wohnung verbracht haben, eine schöne Wohngegend in der Nähe der Holtenauer Straße mit allem, was man für den Alltag braucht: Ärzte und Geschäfte um die Ecke, gute Busverbindungen, in kurzer Zeit ist man am Wasser oder im Botanischen Garten. Die Tanks denken deshalb nicht daran, auszuziehen, auch wenn Walter Tank sich nur noch mühsam bewegen kann und die Töchter, die benachbarte Schulen besuchten, längst nicht mehr im Block leben. Heute seien im Innenhof kaum Kinder zu sehen, sagt Ursula Tank, weil nach dem Abzug der Marine viele Studenten einzogen sind. „Und auch die Soldaten wurden ja alle zwei Jahre versetzt“, erklärt sich ihr Mann das Kommen und Gehen. Der Innenhof, in dem früher ihre beiden Kinder Federball spielten, wird heute häufig zum Grill- oder Fußballplatz. Sie selbst setzen sich gern raus, um in der Nähe von Rosensträuchern die Sonne zu genießen. „Über unsere Nachbarn können wir uns nicht beklagen“, meint Ursula Tank.

Nur wenig weiter zwischen Niebuhr- und Schillstraße führt ein großer mit Keramikelementen und Klinkerdekor verzierter Torbogen in eine Idylle mit knorrigen Bäumen, blühenden Hecken, einer im Wind schwingenden Hängematte und Spielgeräten. Fröhlich hängt Andrea Scheffler (41) Wäsche an der Stange auf, während Tochter Sophie (12) und Sohn Paul (7) von der Loggia im ersten Stock zusehen. Nur ein Haus weiter ist Andrea Scheffler aufgewachsen – in Nummer 30, wo heute noch ihre Eltern leben. „Ich ziehe hier nicht mehr aus“, betont sie. Einmal hatte sie das Marinequartier der Liebe wegen schon verlassen. Für ein Jahr zog mit ihrem Mann nach Wellsee: „Aber da gab es keinen Innenhof“ sagt sie, während sie auf das Grün und Blumenbeete um sich herumzeigt. „Hier habe ich alles in der Nähe. Hier spielen die Kinder, und wir sitzen mit den Nachbarn zusammen.“ Die Eltern richteten gemeinsam eine Spielecke mit einer Sandkiste ein. Man trifft sich im Innenhof zum Grillen oder einfach nur, um zu schnacken. Kurzum, das Marineviertel ist längst nicht mehr nur das Festland für die Flotte.

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Ein Artikel von
Martina Drexler
Lokalredaktion Kiel/SH

Anzeige
Mehr aus Kieler-Hinterhof-Geschichten 2/3