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Zappa zwischen Öl und Benzin

Serie: Hinterhof-Geschichten Zappa zwischen Öl und Benzin

Einladend sieht die Hofeinfahrt in der Waitzstraße 93 nicht gerade aus. Die Durchfahrt ist voller Graffiti, aber nicht die von der schönen Sorte, sondern eher die krakelige Variante. Dieser Hinterhof birgt kein Idyll im klassischen Sinne. Er ermöglicht vielmehr einen Abstecher in die abenteuerliche Welt einer etwas anderen Autowerkstatt, einer mit Hippiewurzeln und alternativen Idealen. Es ist Joe’s Garage.

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In der Hinterhof-Autowerkstatt von Joe’s Garage sind alle per du (v.li.): Altgeselle Ralf Klose, Sekretärin Michaela Burmeister, Azubi Adem Bektas, Kfz-Meister Ole Lamp und Azubi Finn Lütje.

Quelle: pkr

Kiel. Seit 30 Jahren wird hier im Hinterhof geschraubt und bei so manchem Fest auch mal gejamt. Denn schließlich war Frank Zappas gleichnamiger Song Namensgeber, und wild wie zu Zappas Zeiten ging es hier ohnehin in der Anfangsphase zu. Denn Gründer Willi alias Hans Hansen entstammt – auch wenn etwas unfreiwillig – der Hausbesetzerszene um die Hansa48. Schon vor der Besetzung wohnte er ganz legal dort und liebäugelte mit der angrenzenden Autowerkstatt von Horst Zell, die so schön dicht an seiner Wohnung lag. Denn Englischlehrer, wie studiert, wollte er nicht werden. Mit den Hausbesetzern bekamen die Selbsthilfewerkstätten unter anderem auch eine Autowerkstatt: die alte Joe’s Garage. In dem 15 Quadratmeter großen Blechschuppen wurde sommers wie winters an alten Autos herumgeschraubt. Die Tür gibt es heute noch. Sauber ausgeschnitten und eingerahmt hängt sie in der Werkstatt.

Eine Wüstenreise

In der alten Garage wurde die legendäre Sahara-Durchquerung geplant und vorbereitet – die Initialzündung für die neue Garage. Aus sieben in ganz Deutschland für rund 1000 Mark zusammengekauften Peugeot 404 wurden drei gebastelt, die tatsächlich die Wüste überstanden. Nach atemberaubenden Reparaturen in der Sahara war für Willi klar: „Das will ich doch lieber machen als Lehrer.“ Aus der verbauten Hinterhof-Werkstatt von Zell entstand nach völligem Umbau die heutige Joe’s Garage. „Wir fingen um 9 Uhr an zu arbeiten, es sollte ja human sein“, schwebte anfangs noch ein sehr freizügiger Geist über der Werkstatt. Manch einer ließ sich sogar erst um die Mittagszeit sehen. Da sich aber so kein Geld verdienen lässt, veränderte Willi die Mannschaft, holte sich Wolfgang Kruse als Teilhaber in die Firma – und die Schrauberwerkstatt entwickelte sich zur professionellen Werkstatt. Inzwischen wurden hier 15 Lehrlinge ausgebildet, etwa 100000 Autos repariert, rund 30000 Abgas- und Fahrzeuguntersuchungen durchgeführt.

Während viele Hinterhofwerkstätten in all den Jahren nicht überlebt haben, vielleicht auch wegen „des Images, nicht kompetent zu sein“, war Joe’s Garage immer bestens besucht. „Wir haben halt weniger dafür gesorgt, dass es hier toll aussieht, sondern unsere Kenntnisse weiterentwickelt und diagnostisch hochgerüstet“, sagt Mitinhaber und Kfz-Meister Ole Lamp, der vor 14 Jahren als Praktikant mit langen Rastazöpfen angefangen hat. „Hier wird halt repariert und nicht sinnlos ausgetauscht“, nennt er den Grund, warum es ihn in der Werkstatt gehalten hat. Außerdem sind alle per du, man frühstückt gemeinsam und isst zusammen Mittag – ein bisschen von dem konspirativen linken Geist ist eben doch noch erhalten geblieben. Und noch immer stapeln sich in einer Ecke ausgediente Autoreifen, es riecht nach Öl und Benzin – eben nach echter Schrauberarbeit. „Viele kommen auch zu uns und sagen, dass sie die Glaspaläste nicht mitfinanzieren wollen“, erläutert Lamp, warum das Konzept Hinterhof-Werkstatt kein Auslaufmodell ist. Zudem liege man zwischen Uni und Kliniken wie die „Made im Speck“. „Wir haben eine tolle und easy zu händelnde Kundschaft“, meint Ole Lamp.

Klein aber fein

Nicht ganz so einfach sind jedoch manchmal die Bedingungen auf dem kleinen Hinterhof. Die Werkstatt misst 200 Quadratmeter, hat vier Bühnen und fasst sechs Autos. „Bei gutem Wetter schrauben wir auch mal draußen“, sagt Lamp. Aber dort ist es ebenfalls eng. Denn der Hinterhof ist nur 150 Quadratmeter groß. Auch wenn inzwischen ein Teil des Nachbarhofes mitgenutzt werden kann, herrscht fast immer Platzmangel. „Das viele Rangieren ist nervig.“ Die Autos müssen nämlich oft auf der Straße zwischengeparkt und dann zur Reparatur reingeholt werden. Anschließend muss wieder für sie ein Parkplatz gesucht werden. Aber vielleicht deshalb, weil alles hier ein wenig anders ist – eben unkonventionell – schwebt in dieser Hinterhof-Autowerkstatt immer noch der Geist von Frank Zappa irgendwo herum.

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Ein Artikel von
Petra Krause
Lokalredaktion Kiel/SH

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