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Kieler Originale Bei Helmut Schmidt ticken die Uhren anders
Kieler Originale Bei Helmut Schmidt ticken die Uhren anders
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08:41 10.10.2016
Von Jürgen Küppers
Er repariert noch selbst: Helmut Schmidt bei der Arbeit in seiner Werkstatt hinter dem Verkaufsraum. Quelle: Thomas Eisenkrätzer

Hier schmiedet der Meister für seine Kunden nicht nur Gold zu edlem Geschmeide, er kann auch selber glänzen mit ausgefeilter Verkaufspsychologie.

Helmut Schmidt sitzt in seinem Geschäft vor einem großen Buch, in das er mit einem Stift Zahlen schreibt. „Lügenbuchhaltung“, sagt er, grinst dabei wie ein Lausejunge, dem ein guter Streich gelungen ist. Als dann eine Kundin den Laden betritt, ist der 76-Jährige in seinem Element. „Soll es etwas für Sie als Ehefrau sein oder darf es auch teurer ausfallen?“ Die Kundin stutzt irritiert: „Mein Mann hat keine Geliebte.“ Schmidt setzt wieder sein Lausbubengrinsen auf: „Das sagen alle Ehefrauen.“ Der Handel fällt trotzdem bescheiden aus, es bleibt bei einem Batteriewechsel.

 Vor allem bei weiblicher Kundschaft in leicht fortgeschrittenem Alter lässt sich der Geldschmiedemeister meist sehr viel mehr Zeit, als er eigentlich für einen Batteriewechsel braucht. Auch der Schritt zur Seite ist kein Zufall. „Die Kundinnen sollen in aller Ruhe die Auslage in der Vitrine betrachten können, ohne dass sie sich dabei beobachtet fühlen. Oft entdecken sie dabei ein Schmuckstück, so ganz nebenbei.“ Bei Männern mache der verkaufspsychologische Kniff allerdings keinen Sinn: „Die interessiert das alles nicht.“

 Über mangelndes Interesse an seinen Waren und Dienstleistungen kann sich der Kunsthandwerker nicht beklagen. „Werbung brauche ich nicht. Ich habe jede Menge Stammkunden, die kommen auch so.“ Zu ihnen zählten vor allem die „vielen Damen aus Düsternbrook“, für sie sei Schmuck schließlich so etwas wie ein „Lebenselixier“.

 Für Helmut Schmidt ist die Arbeit sein Lebenselixier. „Hinterm Ofen sitzen und aufs Sterben warten“ kommt für den 76-Jährigen nicht in Frage. Solange die Beine noch tragen und der „Geist in der Birne“ noch wach ist, falle das Alter nicht weiter ins Gewicht. Er ignoriert es einfach.

 Dann gibt der Kieler Jung Nachhilfestunde in Sachen Erfolgsrezept. Eine Kundin mit einer gerissenen Silberkette samt Anhänger betritt den Laden. „In einer Stunde ist sie fertig“, sagt der Fachmann. Die Frau stutzt. „So schnell?“ Dann legt sich Helmut Schmidt in seiner Werkstatt hinter dem Verkaufsraum ins Zeug.

 Ratzfatz den Mini-Bunsenbrenner entzündet, das gerissene Glied zugeschweißt, eine neue Verschlussöse angesetzt, fertig. Macht 45 Euro für 15 Minuten Arbeit. „Nicht schlecht, was?“ Wieder blitzt der Schalk aus seinen Augen. Bei der Konkurrenz würde das 80 Euro oder mehr kosten, behauptet der Goldschmiedemeister, der sogar seinen Sohn Dirk in diesem Metier höchstselbst ausbildete: „Denn heute können es viele Kollegen handwerklich nicht mehr, schicken die Schmuckstücke deshalb zur Reparatur weg.“

 Helmut Schmidts offenbar erfolgreiche Strategie ist eine andere: „Weil ich fast alles selber kann, geht es auch schnell. Das freut die Kunden, vergessen es deshalb nicht. Dann kommen sie auch wieder und kaufen vielleicht etwas Teures.“ Als hätte Helmut Schmidt es inszeniert, wird diese Verkaufshypothese tatsächlich wie aufs Stichwort Realität, als eine Kundin den Laden betritt.

 Sie weiß offenbar genau, was sie will: Eine Perlenkette für 499 Euro soll es sein. Wahrscheinlich hatte sie das gute Stück vorher längst in Augenschein genommen. Möglicherweise bei einem Batteriewechsel. Das Verkaufsgespräch dauert jedenfalls keine fünf Minuten. „Sehen Sie“, sagt der Mann mit der auffällig glänzenden Golduhr am Handgelenk, „es funktioniert“. Und wirkt gleich ein paar Jahrzehnte jünger vor lauter Lausbubenfreude über einen wieder mal gelungenen Streich.

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