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Kieler Originale Günter Ernst: Auch der Alltag hat seine Poesie
Kieler Originale Günter Ernst: Auch der Alltag hat seine Poesie
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07:00 17.11.2016
Von Kristiane Backheuer
Allein Gedichte sind seine Ausdrucksform: Der Lyriker Günter Ernst käme nie auf die Idee, einen Roman zu schreiben. Quelle: Frank Peter

Dieser Mann liebt das Spiel mit den Worten. Kaum ein Tag vergeht, an dem Günter Ernst nicht irgendwelche Aufzeichnungen macht. Mal sind es nur ein paar Worte, mal Satzfragmente, mal ganze Lyrikzeilen. Einen kleinen Block und einen guten Kugelschreiber hat er immer dabei. So zieht der heute 69-Jährige schon seit unzähligen Jahren durch Kiel. Er streift durch den Alten Botanischen Garten, schlendert an der Kiellinie entlang oder sitzt in den Cafés und Kneipen der Stadt. Weil er die Worte so liebt, hat er in den 70er-Jahren gleich mehrere Literaturzeitschriften mitgegründet, in jungen Jahren die Kieler Literaturwerkstatt mit Kollegen ins Leben gerufen. Ein echtes Kieler Original. Nun ist sein neuer Lyrikband „Rabenruf“ herausgekommen, den er am morgigen Freitag vorstellen wird.

 Bescheiden und zurückhaltend sitzt Günter Ernst im Café Pursche in der Wik. „Hier bin ich schon als junger Spund gewesen“, sagt er und nippt an seinem Kaffee. „Hier kann man wunderbar lesen und beobachten.“ Eine Dame mit Dackel hat sich an diesem frühen Morgen eingefunden. Zwei Herren kommen zur kurzen Dienstbesprechung beim „Kleinen Frühstück“ herein. „Ich möchte den Menschen die Angst vor Lyrik nehmen. Man muss sich nicht zwangsläufig viel Zeit für die Texte nehmen“, sagt er. „Die Achtung vor Lyrik versperrt den Menschen oft den Weg dahin. Manchen würde ich mehr Mut wünschen.“

 Aufgewachsen in der Dänischen Straße, hat Günter Ernst schon früh die Worte geliebt. „Als kleiner Knirps stromerte ich im Botanischen Garten herum und schrieb die lateinischen Pflanzenbezeichnungen ab. Meine Mutter hatte mir für vier Pfennig einen kleinen Block gekauft, da kamen die faszinierenden Worte hinein.“ Das Bedürfnis, etwas zu notieren und formulieren, sei wohl schon immer da gewesen. Als Jugendlicher verschlang er die Romane reihenweise, sparte Geld für einen Theaterbesuch. Erst viel später, als er bereits in der Ausbildung zum Verwaltungsmann bei der Stadt Kiel war, erlebte er da jedoch etwas, was ihn tief verstörte. „Zusammen mit einem Kollegen hatte ich zwei Karten für Berthold Brechts Dreigroschenoper bestellt, nur als wir im Theater ankamen, wurden wir nicht reingelassen“, erzählt er. „Wir hatten Gärtnerklamotten an, und uns wurde gesagt, das sei nicht angemessen. Unfassbar. Da schreibt ein Brecht ein Arbeiterstück, und Arbeiter dürfen nicht rein. Das ist typisch kielerisch. Hier ist ein ziemlich konservatives Pflaster.“

 Aber Günter Ernst liebt Kiel und hat an allen Ecken und Enden der Stadt gewohnt. Mal allein, mal in WGs. Mal mittendrin, mal etwas ruhiger. Inzwischen lebt er in Kronshagen. Der jüngste seiner drei Jungs (41, 24 und 22 Jahre alt) ist gerade ausgezogen. „Jetzt wird erst einmal renoviert“, sagt er und beißt in das Baguette-Brötchen. In jungen Jahren sei er viel getrampt. Nach Frankfurt, Berlin, Amsterdam und Kopenhagen. Noch immer reist er gern. Immer wieder auch für den Schriftstellerverband Schleswig-Holstein, dessen Vorsitzender er seit 2012 ist. Zusammen mit seinen Mitstreitern organisiert er seit Jahren die Mahnveranstaltung zur nationalsozialistischen Bücherverbrennung – eine Veranstaltung, die ihm sehr am Herzen liegt. Das Wort eines jeden muss geschätzt und gewürdigt werden, sagt er.

 In den 80er-Jahren arbeitete Günter Ernst auch als VHS-Dozent für Literaturkurse und organisierte in der Kieler Pumpe Literaturabende für Jugendliche. „Leider liest die Jugend ja nicht mehr so viel“, bedauert er. Am Freitag, 18. November, wird Ernst um 18 Uhr im Café Hilda im Jägersberg 5 sein neues Buch vorstellen. Mal sehen, ob die Jugend nicht doch interessiert ist.

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