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Hans Wilhelm Hansen, der bodenständige Aussteiger

Kieler Originale Hans Wilhelm Hansen, der bodenständige Aussteiger

Drei Mal hat er dem öffentlichen Dienst den Rücken zugekehrt, als Taxifahrer und auf dem Seefischmarkt gearbeitet, jahrelang in der besetzten Hansa48 gewohnt und Mitte der 80er-Jahre mit vier Kumpels monatelang die Sahara durchquert: Hans Wilhelm Hansen

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Geht nicht, gibt’s nicht für Hans Wilhelm Hansen: Der Mann, den die meisten schlicht Willi nennen, baut auf seinem Grundstück in Westensee auch seinen eigenen Roséwein an.

Quelle: Petra Krause

Kiel. Er spielt Bass in einer Band und baut seinen eigenen Wein an. Das klingt verdächtig nach einem unsteten Geist, nach einem Aussteiger. Doch die Rede ist vom Kfz-Innungsobermeister Hans Wilhelm Hansen. Für die meisten schlicht Willi. Absolut bodenständig, aber mit einem großen Hippieherz und einem spitzbübischen Blick, der sagt: „Das Leben ist zu kurz, um nicht öfter mal etwas Neues auszuprobieren.“

 Eigentlich würde er lieber Hans genannt werden. Aber „beide Opas dachten, sie mussten sich in mir verewigen“. Jahrzehnte ist er nun als Willi, vor allem in der Schrauber-Szene, bekannt. An seinem Fachwissen kommt keiner vorbei. 30 Jahre war er das Herz von Joe’s Garage bevor er seine Anteile an den Kfz-Meister Ole Lamp, seinen ehemaligen Lehrling, abtrat. Jetzt steht er nur noch beratend zur Verfügung. Ursprünglich wollte er ohnehin nur drei Jahre in der Autowerkstatt bleiben und dann wieder etwas Neuen versuchen. Aber die Leidenschaft für Autos, insbesondere Dieselmotoren, vereitelten den Vorsatz. Dennoch hat er stets neue Wege eingeschlagen, das innere Kind sich austoben lassen. „Ich habe einfach zu viele Ideen.“

 1950 in Angeln an der Schlei als Sohn eines Bauern geboren, Grundschule in Heide, Abitur an der Kieler Max-Planck-Schule, 18 Monate Bundeswehr, weil er als Verweigerer nicht anerkannt wurde, Englisch- und Kunst-Studium auf Lehramt an der Kieler Uni – bis dahin klingt die Laufbahn des heute 66-Jährigen noch unspektakulär. Während der Studienzeit lebte er bereits in der Hansa48, die Anfang der 80er-Jahre besetzt wurde, schraubte dort in der Auto-Selbsthilfewerkstatt, reiste viel in der Weltgeschichte umher. So kehrte er der Laufbahn in einer Schule dann auch den Rücken zu: „Ich wollte nicht als Lehrer arbeiten, sondern habe schon da mit Autos geliebäugelt.“ Die „Initialzündung“ für die Kfz-Lehre gab die sogenannte Trans-Sahara-Tour, die beim Schrauben geplant wurde. Mit vier Kumpels wurden aus sieben Peugeot 404 drei zusammengebastelt. „Während bei unserer Abschiedsparty alle soffen, bauten wir noch einen Motor ein.“ Von Kiel über Genua führte die monatelange Tour nach Tunis, Algerien, Obervolta, Togo und Nigeria. „Danach siehst du die Welt mit anderen Augen.“ Auf der Tour gingen die drei Autos immer wieder kaputt, wurden aber fantasievoll instand gesetzt: Damenstrümpfe wurden zu Luftfiltern umfunktioniert und Reifen mit Nylonfäden geflickt. Danach stand für Willi fest: Wer solch atemberaubenden Reparaturen hinlegt, muss einfach Kfz-Mechaniker werden. Und nach der Lehre wurde gleich der Meistertitel angehängt.

 Ob die Leidenschaft für Autos, Motoren und Reparaturen tatsächlich ausschließlich auf die Trans-Sahara zurückzuführen ist oder schon beim Treckerfahren auf dem Bauernhof des Vaters in Heide geweckt wurde, bleibt jedoch offen. Fest steht: Autos bestimmten und bestimmen sein Leben. So rutschte er 2002 „zufällig“ in das Amt des Kfz-Innungsobermeisters. Seit drei Jahren hat die Innung auf Hansens Initiative die Organisation des Seifenkistenrennen zur Kieler Woche in der Bergstraße übernommen, weil dieses sonst vor dem Aus gestanden hätte.

 Aber auch weitere schulische Intermezzi hat es für den gelernten Lehrer gegeben: Ab 1999 arbeitete er halbtags als Mechanik-Berufsschullehrer in Flensburg. Nach vier Jahren schmiss er wieder hin. Von 2005 bis 2015 konnten ihn die Kieler noch mal überzeugen, halbtags an der Berufsschule zurückzukehren. Doch Willi und die Schule, das war schon immer ein zwiespältiges Verhältnis. „Ich habe für mein Leben gern unterrichtet, aber ich mochte den ganzen Verwaltungsapparat nicht.“ Seine Schüler verabschiedeten ihn als „Dieselpapst“. Schließlich schlägt sein Herz im Takt eines Dieselmotors. „Das Prinzip ist einfach genialer. Ein Dieselmotor hat mehr Würde.“ Noch heute bietet er Fortbildungskurse für Werkstätten an und organisiert einmal im Jahr sogenannte Dieseltage.

 Willi, der längst das WG-Zimmer mit einer restaurierten Schule in Westensee eingetauscht hat und dort seinen eigenen Roséwein anbaut, liebt aber auch andere Rhythmen: 2012 gründete er die Band „The Beat goes on“. „Besser als mein Bass klingt nur ein Ford Mustang V8 von 1968.“ In diesem Jahr brachte es die Band bei der Kieler Woche auf die Rathausbühne und ist am Freitag, 26. August, ab 20 Uhr noch einmal beim Bootshafensommer zu erleben. Neue Projekte gibt es auch schon: Willi will gerne eine akustisch orientierte Band gründen. Ob er nicht mal kürzer treten wolle? „Wieso? Das sind doch alles Sachen, die mir Spaß bringen“, entgegnet er keck. So passt der Titel seines Buches über die ersten Jahre der Hansastraße 48 perfekt zu seinem Leben: „Humor ist der Schwimmgürtel auf dem Strom des Lebens.“

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