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Kieler Originale Der Mann für die unbekannten Seiten
Kieler Originale Der Mann für die unbekannten Seiten
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08:16 21.11.2016
Von Martina Drexler
Zuhause ist Harald Roos mit seiner Frau und seinen beiden Kindern in einem hellen Häuschen im Stadtteil Hassee. Quelle: Frank Peter

Taucht er dagegen ohne Kostüm in Jeans und Pullover auf, würden ihn wohl nur wenige auf der Straße erkennen. Als Kleinkünstler und Spaßmacher unterwegs zu sein, bezeichnet der 54-Jährige als seine wahre Leidenschaft: „Es ist doch toll, dass ich sie zum Beruf machen konnte“, meint er, während er sich auf dem Sofa in seinem hellen Häuschen in Hassee gemütlich macht und Tee trinkt. Bis er die Leidenschaft aber ausleben konnte, musste er einige Umwege gehen. Als gelernter Physiotherapeut kam der gebürtige Saarländer 1987 an das Kieler Universitätsklinikum, um sein Praktikumsjahr zu absolvieren. „Es war ein schlechter Sommer. Mir fehlte die Wärme“, erzählt der Sohn eines Kinderarztes. Bald wollte er wieder in die Heimat zurück.

 Doch es kam anders: Er jonglierte schon damals gern, hatte bereits 1987 seinen ersten Auftritt zur Kieler Woche und fand über die Kleinkunst Freunde, die mit ihm im Schrevenpark übten. Nach seiner Zivildienst-Zeit an der Rudolf-Steiner-Schule blieb er in Kiel und studierte Biologie, Deutsch, Erdkunde und Philosophie. Seine Arbeit zum ersten Staatsexamen habe er über das „Komische als philosophisches Problem“ geschrieben, sagt er und grinst. Doch auch das Lehrerdasein an Grund- und Hauptschulen war nicht das, was ihn wirklich erfüllte. „Ich habe in Preetz als Referendar begonnen und nach vier Tagen aufgehört“, erinnert er sich. „Ich bin nicht geeignet, jemandem die Welt zu erklären und Kinder dazu anzuleiten, etwas zu machen“. Und die Ausbildung zum Physiotherapeuten? „Ich habe es schwer ausgehalten, vor allem für neurologisch Erkrankte nur eine halbe Stunde Zeit zu haben“, erklärt er, warum er diese Laufbahn nicht weiterverfolgte.

 Dass ausgerechnet ein Mann, der fern vom Meer aufwuchs, 75 Zentimeter hohe Alu-Stelzen anlegt, um als Riesen-Matrose während der Kieler Woche mit Pfeife im Mund Seemannsgarn zu spinnen, ist einem puren Zufall zu verdanken. Irgendwann in den späten 90er-Jahren suchte die Stadt einen maritimen Werbeträger für die Bootsmesse. Und da ein Düsseldorfer Kleinkünstler seine Matrosen-Figur abgeben wollte, war die Gelegenheit günstig, zumal der damalige Werftpark-Theaterchef Norbert Aust sich für Roos einsetzte. Seitdem schlüpft Roos regelmäßig zu den Bootsmessen und Kieler Wochen in seine Matrosen-Kluft. Und er steigt, selbst schon 1,90 Meter groß, dazu auf die Stelzen. Manche Accessoires wie ein kleiner Hummer am Hosenbund oder eine kleine Möwe am Mützenrand kamen mit der Zeit dazu. Auch lässt er seine Blicke durch ein schwarzes Riesen-Fernrohr schweifen, das er einmal günstig bei einem Trödler erstanden hat.

 Was ist für ihn der Unterschied zwischen dem Clown im bunten Kostüm und dem Kieler Matrosen im blau-weißen Anzug? „Der Matrose ist wohl eher für Erwachsene, der Clown für die Kinder“, sagt er. Beiden gemeinsam sei, „dass ich schnell Kontakt zu Menschen herstellen kann. Augen und Herzen fliegen mir zu. Durch das Sein meiner Figuren verschaffe ich den Leuten die Möglichkeit, sich auf das Spiel einzulassen. Ich schaffe einen Raum, wo alles nicht so ernst genommen wird.“ Mit erstaunlichen Folgen: So manches Kind, aber auch Erwachsener entdeckt plötzlich andere, bisher unbekannte Seiten in sich. Schöne Momente sind das, wenn sich Menschen köstlich amüsieren und aus sich herausgehen, wenn der Stelzenmann sich plötzlich neben sie setzt und mit ihnen spricht. Auch wenn sie auf die oft gestellte Frage „Wie ist eigentlich die Luft da oben?“ zu hören bekommen: „Sie ist gut, aber es stinkt abartig nach Zwergen.“

 Seine berufliche Leidenschaft brachte ihm auch privat Glück. Seine Frau, eine Erzieherin und Tagesmutter, lernte er vor 14 Jahren auf der Spiellinie kennen, als sie Kinder schminkte. Ihre beiden Kinder Ella (9) und Kalle (7) finden es toll, dass ihr Vater Menschen zum Lachen bringt. Zurück in die Heimat seiner Jugend will er jetzt nicht mehr: „Vor allem meine Familie hält mich in Kiel. Und ich könnte nicht mehr ohne ein Meer in der Nähe leben.“

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