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Ein ganzes Leben im Friseursalon

Serie: Kieler Originale Ein ganzes Leben im Friseursalon

Die meisten Geschäfte sind in den vergangenen Jahrzehnten verschwunden. Der Damen- und Herrenfriseur Kraemer im sogenannten Afrika-Viertel gehört zu den wenigen Geschäften in den Neumühlen-Dietrichsdorf, das in Familienhand geblieben ist und überlebt hat.

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Kieler Original: Der Damen- und Herrenfriseur Kraemer ist seit 1966 in der Nachtigalstraße 6 ansässig. Heino Kraemer (68) hat das Geschäft 1972 (1966 von seinen Eltern Erich und Elisabeth Kraemer eröffnet) übernommen und feiert in diesem Jahr mit seiner Frau Birgit, die ebenfalls Friseurin ist, 50-jähriges Geschäftsjubiläum.

Quelle: Volker Rebehn

Neumühlen-Dietrichsdorf. Die große Zahl an Stammkunden sichert das Überleben. In diesem Jahr besteht das Familienunternehmen in der Nachtigalstraße 6, das Heino Kraemer 1972 übernommen hat, 50 Jahre.

 Eine längere Zeit ohne Friseurgeschäft: Heino Kraemer kann sich nicht daran erinnern. Schon bei seinen Eltern, die am Ende des Zweiten Weltkrieges von Danzig nach Mönkeberg geflohen waren, verbrachte er die meiste Zeit im Geschäft. Erich und Elisabeth Kraemer, die wie ihre Eltern – sie sind auf der Flucht gestorben – Friseure waren, hatten gleich nach ihrer Ankunft in Mönkeberg in einer Holzbaracke einen kleinen Laden eröffnet. Später zogen die beiden in ein Haus in der Stubenrauchstraße um. Dort wurden auch die Kinder Heino und seine Schwestern Carla und Brigitte groß.

 „Das für den Salon notwendige Wasser holten wir Kinder damals in Eimern von einer Quelle am Mönkeberger Strand“, erzählt Heino Kraemer. Der heute 68-Jährige erinnert sich auch, dass sie das Quellwasser getrunken haben und es sehr gut geschmeckt hat. Klar, dass er auch seine Schularbeiten im Salon gemacht. So war es keine Frage, dass auch die Kinder das Friseurhandwerk erlernten. Heino wurde Azubi in Heikendorf, später ging er nach Hamburg. Seine erste Anstellung folgte im Conti Hansa, dem heutigen Steigenberger Conti Hansa, das gerade eröffnet worden war. 1966 zogen die Kraemers dann in die Nachtigalstraße 6, wo die Eltern in einer kleinen Erdgeschosswohnung ein Friseurgeschäft für Damen und Herren eröffneten. In der Wohnung darüber, gerade mal 52 Quadratmeter groß, lebte die fünfköpfige Familie.

 Völlig überraschend verstarb Erich Kraemer 1968, sodass seine Frau das Geschäft zunächst alleine weiterführte. Sohn Heino hatte 1970 seine Meisterprüfung bestanden und übernahm 1972 den Betrieb. Das Geschäft florierte, und Heino Kraemer konnte es 1983 erweitern, als der benachbarte Textilladen schloss. Dann fiel Neumühlen-Dietrichsdorf aber in ein tiefes Loch. Großunternehmen wie Howaldt, Hell oder Anschütz wurden geschlossen. Viele Menschen zogen weg. Zahlreiche kleinere Geschäfte mussten aufgeben, darunter auch die in der Nachtigalstraße. „Wohnungen und Geschäfte standen leer. Auch ich hatte überlegt, wegzugehen und Angebote in der Stadt geprüft“, erzählt Heino Kraemer von den 1990er-Jahren. Er und seine Frau Birgit, die ebenfalls Friseurin ist, sind geblieben und haben stattdessen in ihr Neumühlen-Dietrichsdorfer Geschäft investiert. Fußpflege, ein kleines Fotostudio und größere Personalräume kamen dazu.

 „Wir haben viele Höhe und Tiefen durchlebt“, sagt Heino Kraemer. Der Stadtteil habe sich in den vergangenen Jahren aber positiv entwickelt. So hätten viele Studierende der Fachhochschule Kiel leer stehende Wohnungen bezogen und würden zur Belebung beitragen. Allerdings wünscht er sich, dass wieder mehr Kleingeschäfte in die Nachtigalstraße zurückkehren und der „Schandfleck“ an der Insterburger Straße, das frühere Einkaufszentrum, beseitigt wird. Das neue Einkaufszentrum am Langen Rehm ziehe zwar viele Kunden an.

 Die Kundenströme würden aber an seinem abseits gelegenen Geschäft vorbeiziehen. Problematisch sei das nicht. „Wir haben wenig Laufkundschaft, aber eine Menge Stammkunden, die uns seit vielen Jahren die Treue halten“, sagt Heino Kraemer. Dass er selbst dem Stadtteil treu geblieben ist, bereut er nicht. „Neumühlen-Dietrichsdorf war eigentlich schon immer besser als sein Ruf“, sagt er. Wohl auch deshalb haben er und seine Frau schon 1980 ein Haus im Poggendörper Weg gebaut. Eine Fortsetzung der Friseurfamilientradition wird es aber nicht geben. Der eine Sohn arbeitet bereits als Ingenieur, der andere studiert noch an der Fachhochschule. Ist der fertig, will Heino Kraemer endgültig Schere und Kamm aus den Händen legen.

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