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Burkhard Sawallisch: Hauptsache ehrlich!

Kieler Originale Burkhard Sawallisch: Hauptsache ehrlich!

Mit dem Plattenladen „Aftermath“ in der Scharnhorststraße, der scheinbar nie geöffnet hat, sowie dem „Chill Out Club Palenke“ an der Ecke Gerhardstraße/Wrangelstraße, der scheinbar immer geöffnet hat, trotzt Burkhard Sawallisch seit Jahrzehnten allen musikalischen und gastronomischen Trends.

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„Palenke“-Wirt Burkhard Sawallisch vor einem Bild von Vorgänger Martin Reuter. Die Inneneinrichtung der Kneipe in der Gerhardstraße atmet Geschichte und Geschichten – und das soll auch so bleiben.

Quelle: Frank Peter

Kiel. Und prägt das Viertel, in dem er selbst lebt. Verändert, sagt der Gastwirt mit diesem typischen ironischen Grinsen, habe er in beiden Läden eigentlich nichts – „aber weiterentwickelt“.

 Der Mann, der sein Alter je nach Tageszeit „irgendwo zwischen 40 und 80“ ansiedelt, spricht gerne über die Anfangszeiten seiner Kultläden. Das fällt in der „Palenke“ – Ja, sie ist weiblich! – nicht weiter schwer. Zwischen den großen „ehrlichen Holztischen“, mit denen Sawallisch gezielt der Vereinzelung von Gästen entgegenwirkt, und den vielen Accessoires vom Kinosessel über Unmengen von Bildern bis hin zum leicht angestaubten Motorrad im Schaufenster, scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. Aus den Boxen klingt Sawallischs Lieblingsmusik („dreckiger Blues der 60er“), aus den Wänden dünstet der Zigarettenrauch vergangener Jahrzehnte, und vor dem Wirt, der gerne sein eigener Gast ist, steht ein handgezapftes Bier.

 „Ich mag alles, was ehrlich ist“, fasst der Kieler seine Philosophie zusammen. Das gilt allerdings nicht für das Motto der „Palenke“, das sowieso noch nie jemand ernst genommen hat. „Cold food, warm beer, lousy service“: Das Gegenteil sei der Fall, betont Sawallisch. Natürlich. Jeden Tag die Eckkneipe aufschließen und hinterm Tresen stehen – das ist nicht sein Anspruch. „Ich will unterschiedliche Menschen zusammenbringen und gut bewirten.“ So, wie er es in englischen Pubs erlebt hat. In seinem Herzen ist Sawallisch Engländer. Das Qualitätsprädikat „Made in England“ ist zusammen mit dem Union Jack auf seinem Oberarm tätowiert. Immerhin stammt er auch von einer Insel, allerdings heißt die Fehmarn. Aufgewachsen ist er in Kiel.

Leidenschaftlicher Vinylfan

 Die Rolle des Kneipenwirts ist Sawallisch nicht in die Wiege gelegt worden. Er schmiss die Schule vor dem Abitur und arbeitete als Sozialarbeiter, Schweißer, Schlosser und „vieles mehr“. Weil Sawallischs Frau mehr verdiente, beschloss das Paar nach der Geburt der beiden Söhne, dass er die Kinderbetreuung übernehmen sollte. 1980 eröffnete der leidenschaftliche Vinylfan den Plattenladen „Aftermath“ – benannt nach einem Album der Rolling Stones – direkt am Blücherplatz. Dahinter lag die Wohnung der Familie. Ein perfekter Ort, um Job und Kinder unter einen Hut zu bringen. Bis heute verkauft, kauft und tauscht Sawallisch alte Scheiben mit Musik der 50er- und 60er-Jahre: Jazz, Blues, Soul und Punk. „Danach höre ich auf, seichter Pop aus den 80ern kommt mir nicht ins Haus.“ Die Kunden lassen sich nicht von dem eher schaurig als schön gestalteten Schaufenster und den eingeschränkten Öffnungszeiten (14.30 bis 16.30 Uhr) abschrecken. „Es ist noch immer eine gute Zeit für Platten.“

 Das gilt auch für die „Palenke“, die Swallisch als Gast und Aushilfe kennenlernte. Im Jahr 2000 übernahm er sie quasi über Nacht. „Mein Vorgänger Martin Reuter fragte mich, ob ich für ihn weitermachen wolle“, erzählt er. „Ich fragte: wann? Und er sagte: morgen!“ Man traf sich zur Übergabe in der Forstbaumschule. Damit war die Sache geritzt. Sawallisch entwickelte die Kultkneipe, vor der die Gäste im Sommer ihre Beine auf den Bürgersteig strecken, behutsam weiter. Es gibt Live-Musik, Fußball und Lesungen, englisches Frühstück und ein legendäres Chili – laut Karte „nichts für Rentner und Mädchen.“ Die kommen trotzdem. Britischen Humor gibt es gratis dazu. Nächstes Jahr will Sawallisch „hundert Jahre Gastronomie in der Gerhardstraße 91“ feiern. In seiner ehrlichen Kneipe, die nie etwas andere sein wollte – allen Tresentrends zum Trotz.

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Ein Artikel von
Carola Jeschke
Lokalredaktion Kiel/SH

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