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Kieler Originale Jochen Wagner: Ausschweifende Umwege zum Ziel
Kieler Originale Jochen Wagner: Ausschweifende Umwege zum Ziel
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21:28 21.08.2016
Von Petra Krause
Arbeiten, wo andere Urlaub machen: Im Hochseilgarten „High Spirits“ hat Jochen Wagner seine Berufung gefunden. Quelle: Petra Krause

Wer damals seine Jugend in der Stadt verbrachte und diese unbeschadet überstand, erinnert sich noch gerne an die langen Nächte im Abraxas, dem Hinterhof, dem Pfefferminz oder dem Error, dem Absacker in der Kaskade und dem Frühstück an der Küste. Und wer damals noch zu jung war, hat den heute 58-Jährigen vielleicht schon einmal zwischen den Bäumen am Falckensteiner Strand im Hochseilgarten „High Spirits“ entdeckt.

Die Kindheit war für den in Kappeln geborenen Jochen Wagner sicherlich nicht die rosigste Zeit. Aufgewachsen mit fünf Geschwistern in schwierigen Verhältnissen, schaltete sich irgendwann das Jugendamt ein, und er landete mit zwölf Jahren im Heim. „Das war aber gut so“, sagt er heute. Mit 15 kam er während seine Ausbildung zum Kfz-Mechaniker bei Opel Gihs nach Kiel ins Lehrlingsheim. Damals nahm er die Arbeit nicht ganz so ernst: „Ab und zu bin ich zu spät gekommen.“ Zudem demonstrierte er an der Berufsschule für einen linken Lehrer, den man nicht verbeamten wollte. Von da an war er der „Rote“. Aber letztlich führte sein mehrfaches Zuspätkommen zum Rausschmiss, gerade einmal ein halbes Jahr vor Beendigung der Lehre. Auch eine spätere Ausbildung zum Maurer brach Wagner nach einem Jahr ab.

Danach jobbte er sich bis zum Zivildienst so durch. Eigentlich wollte er nach Berlin ziehen, um den Bund zu entgehen, aber die Liebe hielt ihn in Kiel. Aber richtig in der Arbeitswelt Fuß fassen, konnte er nicht. Auch nicht mit der kleinen Firma für gebrauchte Elektrogeräte und Autos. Erst der Job als Lkw-Fahrer für Stückgut gefiel ihm so gut, dass er sich vom Arbeitsamt zum Busfahrer ausbilden ließ und im Reisebus im Land unterwegs war.

Nachtleben verlor den Reiz nicht

Das Nachtleben hatte für den damals 22-Jährigen noch lange nicht an Reiz verloren. Man führte lange philosophische Kneipengespräche über das Leben, und man experimentierte viel herum. „Da blieb auch viel hängen für den nüchternen Zustand.“ Eine intensive Zeit mit viel Selbsterkenntnis. „Ich habe es gebraucht, mich auszutoben, um mich zu entwickeln“, bilanziert er. Das ausschweifende Nachtleben kostete ihn schließlich ein Jahr Führerscheinentzug. „Damit war meine Karriere als Busfahrer zu Ende.“

Dann ging es doch nach Berlin: Der zehn Jahre dauernde Aufenthalt dort brachte Stabilität in sein Leben. „Die Zeit hat mir am meisten geholfen.“ Als Bühnen- und Veranstaltungstechniker lernte er, „dass Arbeit Spaß machen kann“. Die Anerkennung für seine Arbeit motivierte ihn. „Geht nicht, gibt’s nicht“, wurde zu seinem Motto.

Auch wenn die Verbindung nach Kiel nie ganz abriss, wollte er irgendwann wieder ganz ans Meer. Bei TVSH machte er 1992 eine dreijährige Ausbildung zum Kameramann und blieb dort bis zur Insolvenz 2004. Noch bevor es dazu kam, war in ihm schon der Entschluss, etwas mit Klettern zu machen, gereift. Schließlich zog es ihn schon als Zweijährigen immer in die Höhe. „Ich war mal auf einem Kletter-Dreh im Allgäu über Wasserfälle und dachte: ,Haben die das gut hier. Das will ich auch machen’“, erzählt er. Sein nächster Gedanke war: „Wir haben es hier oben mit dem Meer noch schöner.“

Keine Kletterwand in Laboe

Erste Planungen, an der Schwimmhalle Laboe eine Kletterwand mit Löchern zu gestalten, damit Schwimmer und Kletterer etwas davon haben, fand keine Gnade vor den Augen der Gemeinde. Mit Peter Hempe, der ebenfalls seinen Job als Kameramann bei TVSH verloren hatte, überlegte er weiter in Richtung Hochseilgarten. „Ich hatte schon viel Zeit und Geld in die Planung investiert. Da passte die Arbeitslosigkeit ganz gut, um mich auf die Realisierung zu konzentrieren.“ Die ersten von der Stadt vorgeschlagenen Standorte abseits vom Wasser gefielen nicht. „Klettern und maritimes Flair sollte immer ein Verbindung sein.“

2006 eröffnete der Hochseilgarten mit fünf Kletterelementen, heute zählt er über 120. Jochen Wagner hat seinen Beruf schließlich gefunden – auch wenn er seiner Kletterleidenschaft nicht mehr so oft nachgehen kann, wie am Anfang, als er noch selbst mit Gruppen in die Bäume stieg. Die harten Zeiten schadlos überstanden zu haben, empfindet er als Glück. Denn wer einiges miterlebt hat, „weiß das Leben mehr zu schätzen“.

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