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Ein Begleiter namens Wandel

Serie: Kieler Originale Ein Begleiter namens Wandel

Als Sohn zweier Lehrer wohlbehütet im idyllischen Lüneburg mit einer jüngeren Schwester aufgewachsen und ohne Probleme bis zum Abitur durch die Schule gekommen, sieht sich Nils Aulike, seit neun Jahren kultureller Leiter der Hansa48, selbst als „ahnungsloser Spätzünder“.

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Nils Aulike arbeitete für das Literaturhaus und in einem interdisziplinären Forschungsprojekt am Institut für asiatische Geschichte. Seit 2007 steht er an der Spitze der Hansa 48.

Quelle: Petra Krause

Kiel. Größtes Vergehen seiner Jugend: ein mit dem Fußball eingeschossenes Fenster. „Ich habe eine öde, unaufbegehrende Jugend verbracht“, behauptet der 45-Jährige, der heute dagegen gerne mal ungewöhnlichere (Gedanken)-Pfade betritt. Aber zurück in die Jugend, die geprägt ist vom „Weg des geringsten Widerstandes“ und Turniertanz. Kurz vor der Konfirmation – „wie es damals so üblich war“ – meldet er sich in der Tanzschule an. „Dort bin ich ziemlich schnell als Talent abgegriffen worden.“ Das bedeutet bis zum Abi viermal die Woche zwei Stunden Training und an den Wochenenden Turniere im Paartanz und später in der Formation. Das bringt ihn bis zum Vizelandesmeister.

 1991 nach dem Abi und anschließendem Wehrdienst in seiner Heimatstadt zieht es ihn zum Studium nach Kiel. Wenn man den schmalen 45-Jährigen mit intellektuellem Touch dank schwarz-rechteckiger Hornbrille so oberflächlich betrachtet, würde man ihn eher in die Schublade Verweigerer packen. Doch die Gewissensfrage ist zu dem Zeitpunkt kein Thema für ihn. Außerdem „habe ich mir Zivildienst nicht zugetraut“. Allerdings entschließt er sich 2003, als George W. Bush den dritten Golfkrieg anzettelt, nachträglich zu verweigern. „Ich wollte nicht mehr Teil einer Mordmaschinerie sein.“ Dennoch bezeichnet er die Bundeswehrzeit „als ziemlich gute Erfahrung“. Damals teilt der 19-Jährige mit acht Kameraden aus allen Schichten der Gesellschaft eine Stube – darunter ein 22-Jähriger, der schon sieben Jahre unter Tage gearbeitet hatte. Die unterschiedlichen Realitäten machen ihm bewusst, dass das Leben der spannendste und wahre Lehrmeister ist. Bis heute ist seine Devise: Mit offenen Augen durchs Leben marschieren, anstatt den Blick aufs Handy zu richten.

Toleranz und Liberalität

 An der Uni verliert er als Student für Englisch und Theologie auf Gymnasiallehramt an Zielstrebigkeit, nicht aber den Blick für die Vielfältigkeit der Welt. „Die Uni fand ich auch ziemlich gut.“ Denn wer offen sei, dem biete sie Möglichkeiten, viel über sich selbst zu entdecken. Und man lernt „Toleranz und Liberalität gegenüber anderen Denkweisen“. Das eine Jahr als „Assistent Teacher“ in England ist zwar eine „totale Katastrophe“, aber für den eigenen Lerneffekt sehr bereichernd. „In der großen WG mit Leuten aus aller Welt haben wir viel voneinander gelernt.“ Doch mit dem 1. Staatsexamen im Jahr 2000 fällt die Entscheidung gegen den Lehrerberuf. „Ich hatte kein Interesse an Schülern“, gibt er zu und ergänzt: „Die Schüler werden mir unbekannterweise ewig dankbar sein.“

 Die ersten Berührungspunkte mit Kulturarbeit stammen noch aus der Unizeit, als er im Sechseckbau Theater spielte. Durch Zufall bekommt er 2000 einen Werkvertrag am Literaturhaus für den Literatursommer. Gleich darauf arbeitet er bis 2005 an einem interdisziplinären Forschungsprojekt am Institut für asiatische Geschichte. Nach einem Jahr der Arbeitslosigkeit versucht er es als Kulturarbeiter, braucht sein Erspartes auf. Im September 2007 übernimmt er die Hansa48, nicht ohne sich vorher ausgiebig gefragt zu haben: „Kann ich das, traue ich mir das zu?“

Aulike: "Ich will Dinge sehen"

 In seiner Freizeit wandert er viel – und einmal im Jahr reist er für sechs Wochen in die USA, um sich auf sein Motorrad zu schwingen, das er bei einer Freundin in Minneapolis untergestellt hat. Zwar könnten beide Fortbewegungsvarianten unterschiedlicher nicht sein, aber beide erfüllen eine große Sehnsucht: „Ich will Dinge sehen, die ich noch nicht gesehen habe.“ Das heißt, einfach mal querfeldein gehen oder fahren. „In einer anderen Umgebung zu stehen, bringt mich auf andere Gedanken.“

 Aufgrund der vielen Kompromisse und Diskussionen, die Kulturarbeit mit sich bringt, hat er sein Privatleben mit einer gesunden Portion Egoismus gewürzt. „Ich sehe nicht ein, warum ich nicht egoistisch sein darf. Ich habe ja nur ein Leben und vielleicht kratze ich morgen ab“, sagt er. „Ich schätze es sehr, Zeit mit mir selbst zu verbringen.“ Die Folge sei ein „Verzicht“ auf Partnerschaft und Kinder. „Ich habe keine Lust, ständig zu diskutieren oder mich zu rechtfertigen, warum ich etwas tue oder nicht tue.“ Nils Aulike möchte einfach Zeit haben, „die Welt immer wieder mit Staunen zu betrachten“. Und so war, ist und bleibt wohl auch weiterhin der ständige Wandel – und nicht das Beständige – sein Begleiter.

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