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Mit vollen Segeln durch das Meer des Lebens

Serie: Kieler Original Mit vollen Segeln durch das Meer des Lebens

 Jochem Roman Schneider zählt zu den bekanntesten Künstlerpersönlichkeiten der Stadt. Wir haben den 65-Jährigen in seinem Atelier in Kiel besucht.

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Dem 65-jährigen Jochem Roman Schneider gelingt das Kunststück, von der Kunst auch zu leben.

Quelle: Oliver Stenzel

Kiel. Kiel. Wer die Bergstraße Nummer fünf passiert, dem bietet sich ein besonderer Anblick. In den Schaufenstern des ehemaligen Uniformenhauses Kohrt sind hinter staubigem Glas großformatige Radierungen zu sehen. Davor lagern in einem Aufsteller diverse Gegenstände, die allesamt ein Traditionssegler ziert. Seine Masten sind so angeordnet, dass man in ihnen das Wort „Kiel“ erkennen kann. Daneben annonciert ein Schild die Geschäftsstelle einer Unternehmensberatung. Eine Galerie? Ein Souvenirshop? Ein Firmensitz?

 Es sei von allem ein bisschen, bestätigt Jochem Roman Schneider und stellt dem Gast bei dieser Gelegenheit Olaf Maaz vor, der seine Atelier-Galerie „Panoramar“ gerade übernommen hat. Von 2012 bis Mitte dieses Jahres war sie der Lebens- und Schaffensmittelpunkt des Künstlers, der nun ein paar Straßen weiter wohnt. „Doch nach wie vor bestimmen Produkte aus meiner Hand diesen Ort“, konstatiert Schneider. Für seine im Zwischenreich von Wirklichkeit und Fantasie angesiedelten Radierungen ist er in der Landeshauptstadt seit Jahrzehnten genauso bekannt wie für seine maritimen Bilder. Sein „Kielschiff“ hingegen hat er sich erst 2014 einfallen lassen und wollte damit eine Alternative zum allgegenwärtigen Kielfisch schaffen, der ihm zu unspezifisch erschien. Allerdings hat auch sein Gegenentwurf keine echten Kieler Wurzeln: „Ich habe dafür ein Bild der „Seacloud“ verfremdet“, bekennt der 65-Jährige offen. Warum nicht eines der „Gorch Fock“, des segelnden Wahrzeichens der Stadt? Schneider lacht: „Für den Schriftzug brauchte ich ein Schiff mit vier Masten – die „Gorch Fock“ hat nur drei.“

 Die Geschichte passt zu einem schöpferischen Geist, in dessen Werk Dichtung und Wahrheit stets in einem produktiven Spannungsverhältnis stehen. Auf dem großen Holztisch in der Bergstraße liegt nicht nur ein Blatt mit seinen wichtigsten Radierungen, sondern auch sein aktueller Erzählband „Kieler Snacks“, in dem er auf der Basis autobiografischer Erinnerungen sein Künstlerleben in der Stadt Revue passieren lässt. Die Ankunft des gebürtigen Bochumers zum Studium an der Muthesius-Schule, sein Eintauchen ins Kieler Nachtleben als DJ, die ersten Kneipen-Ausstellungen, die Jahre als Galerist oder der fordernde Balanceakt zwischen freiem Schaffen und Existenzsicherung: Solche Motive verbinden sich hier zur Silhouette eines Künstlers, den mancher aufgrund der Präsenz seiner Segel-Motive fälschlicherweise für einer erfolgsverwöhnten Routinier hält. „Sie repräsentieren den Aspekt meines Schaffens, in dem ich das Leben am Meer genau beobachte und wiedergebe. Deswegen kann man sie auch als Dekoration einsetzen. Meine anderen Bilder geben vor allem Stimmungen wieder und sprechen den Betrachter auf der emotionalen Ebene an. Da spielt die Beobachtung dann nicht mehr die Hauptrolle.“

 Um diese Stimmungen zu erzeugen, muss Schneider selbst in Stimmung kommen. Seit jeher brauche er dafür die Nacht und die Musik, sagt er und ergänzt, dass er bis heute nie vor halb drei Uhr ins Bett finde. Wenn er bis zu acht Stunden lang über einer Radierung sitzt und dazu Bob Dylan oder Nick Drakes leise ihre Lieder singen, öffnet sich für ihn im besten Fall eine unsichtbare Tür: „Dann träume ich mich bei der Arbeit an einem Bild schon in andere Bilder hinein.“

 Auf Schaffensphasen in diesem produktiven Kokon folgt die Phase der Akquise, in der der Künstler als Vertreter in eigener Sache unterwegs ist. „Ich genieße es, gemeinsam mit neuen Werken wieder aufzutauchen und die ersten Reaktionen zu bekommen. Aber es ist natürlich stets ein Kunststück, von der Kunst auch zu leben“, sagt Schneider, der im Laufe seiner 44 Karrierejahre 400 Ausstellungen mit eigenen Werken realisieren konnte. Fürs Foto möchte er gerne neben einer seiner Segelidyllen posieren. Sie passt ja auch zu seinem T-Shirt mit dem Buchstabensegler, in dessen Masten Schneider das Wort „Kiel“ aktuell durch das Wort „Sylt“ ersetzt hat. „Nur so eine Idee“, winkt er lachend auf die Frage ab, ob sich dahinter sein nächster Streich verberge. „Beim S musste ich übrigens ein bisschen tricksen. Ein solches Segel gibt es in Wirklichkeit natürlich nicht. Aber den Leuten gefällt es.“

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