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Auf dem Fluss steht die Zeit still

Serie: Kieler Originale Auf dem Fluss steht die Zeit still

Keine Schiffslinie in Kiel hat eine so lange Tradition wie die private Schwentinetalfahrt. Seit 1904 fahren deren Boote von der Schwentinemündung Richtung Anleger Oppendorfer Mühle und zurück. Fast fünf Jahrzehnte hat die Familie Kühl das Ruder in der Hand.

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Auch das ist Tradition: Jedes Jahr vor Saisonbeginn bringt Hendrik Kühl seine Schiffe auf Vordermann.

Quelle: Volker Rebehn

Neumühlen-Dietrichsdorf. 1998 hat Hendrik die Schwentinetalfahrt von seinem Vater Hans Kühl übernommen. Den Schritt hat der heute 55-Jährige nicht bereut.

 Hendrik Kühl legt einen Moment den Putzlappen beiseite. Schnee, Regen und Kälte zum Trotz erledigt er in diesen Tagen letzte Arbeiten an seinen Booten. Nach der Winterpause starten er und seine Frau Ute in die am morgigen Sonntag beginnende Saison auf der Schwentine. „Es macht immer noch Riesenspaß“, erzählt er und blickt kurz zurück. Als sein Vater in den Ruhestand ging, wollte er den Betrieb verkaufen, falls ihn nicht einer der beiden Söhne, Hendrik oder sein jüngerer Bruder Christian, übernehmen würde. „Den Betrieb in andere Hände geben, das kam für mich nicht in Frage“, sagt Hendrik Kühl. So entschloss er sich mit seiner Frau Ute zur Übernahme. Die Chance, einen solchen Betrieb noch einmal zu bekommen, würde es nie wieder geben.

 Diese Entscheidung lag nahe. Zum einen, sagt Hendrik Kühl, sei er „ein Kind des Kieler Ostufers“. In Gaarden geboren, erst in der Gerhart-Hauptmann-Schule und anschließend im Hans-Geiger-Gymnasium zur Schule gegangen, turnte er bereits als Zehnjähriger auf den Booten seines Vaters herum, der den Betrieb 1970 von Jürgen Mordhorst gekauft hatte. Ein Jahr später bezogen die Kühls eine Wohnung im damaligen Sparkassen-Gebäude, nur wenige Meter von der Schwentinemündung entfernt. Zum anderen habe er bereits als 17-Jähriger das erste Mal selbstständig eine Tour gefahren. Die notwendigen Bescheinigungen und Prüfungen hatte er in der Tasche. Und als sein Vater 1989 erkrankt war, sprang Hendrik, der gerade sein BWL-Studium an der Kieler Universität beendet hatte, ein und führte den Betrieb mit seiner Mutter Christa zwei Jahre.

Zusatzeinkommen bei der Versicherung

 „Ich hätte den Betrieb schon damals gerne übernommen. Mein Vater wollte aber weitermachen“, erinnert er sich. Da die Schwentinetalfahrt zwei Familien nicht ernährt hätte, heuerte Hendrik bei der Itzehoer Versicherung an und blieb dort bis zum Frühjahr 1998. In dem Jahr zogen sich Hans und Christa Kühl zurück und übergaben die Boote „Wellingdorf“, „Schwentinetal“ und „Klausdorf“ sowie die Ruderboote und Kanus an Hendrik und Ute Kühl, die 1994 geheiratet hatten.

 „Ist man auf dem Fluss, scheint die Zeit stehen zu bleiben“, sagt Hendrik Kühl. Die einzigartige Natur in unmittelbarer Nähe der Stadt übe auf ihn – und offenbar auch auf sehr viele andere – einen ganz besonderen Reiz aus. In nur fünf Minuten, schwärmt er, tauche man in einen Urwald ein. Viele der Gäste begeistere das Tal der Schwentine seit Jahren. Sie kämen jedes Jahr wieder. Anders als früher würde heute während der Fahrten viel über Entstehung und Verlauf der Schwentine, über die Natur – mit etwas Glück sind Eisvogel, Rohrweihe oder Graureiher zu sehen – oder über die Jahrhunderte alte Mühlengeschichte erzählt. Das sei besonders schön, wenn das Wetter mitspiele. An Regentagen sei dagegen wenig los. „80 Prozent unseres Erfolges ist vom Wetter bestimmt“, sagt der Schiffseigner. Spielt das Wetter mal nicht mit, müssten Rücklagen aus guten Jahren helfen, die weniger guten überstehen zu können. Möglich sei das nur in einem Familienbetrieb.

 Die Saison ist kurz. Einnahmen gibt es nur in den fünf Saisonmonaten von Anfang Mai bis Ende September. Genug zu tun haben Hendrik und Ute Kühl aber auch in der übrigen Zeit. So müssen die Boote winterfest gemacht werden. Das alleine dauert sechs Wochen. Viel Zeit kostet es auch, alle Holzteile auf den Booten auszubauen und zu Hause zu schleifen und zu lackieren. Nicht weniger lang ist die Saisonvorbereitung. Wird es dann langsam Frühling, kribbelt es auch bei den Kühls. „Es ist immer wieder schön, in einem Umfeld zu sein, in dem ich mich auskenne. Das gibt mir eine unheimliche Sicherheit“, sagt der 55-Jährige.

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