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„Bis 19 Uhr heiße ich Blöcker, nachts Voß“

Serie: Kieler Originale „Bis 19 Uhr heiße ich Blöcker, nachts Voß“

Betritt man ihr Geschäft, scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. Der lange Verkaufstresen, an dem schon 1960 die Kunden standen, die vielen Regale mit den Ersatzteilen dahinter und die Chefin persönlich mittendrin. Annelies Voß ist eine Institution in Kiel, ihr Geschäft, Autoteile Blöcker, Am Wall 30, ebenso.

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Annelies Voß und ihre "Jungs": Zur Seite stehen ihr seit 30 Jahren Thorsten Borgstahl (li.) und Thomas Möhrke (re.).

Quelle: Petra Krause

Kiel. Zwar kümmert sich die 95-Jährige heute mehr um die Bücher, aber bei Bedarf steht sie auch am Tresen und sorgt dafür, dass die Schrauber die benötigten Ersatzteile bekommen. Schließlich kennt sie sich mit den mehr als 5000 Teilen bestens aus, und was nicht auf Lager ist, wird innerhalb eines Tages besorgt.

 „Hier wird nichts verändert, der Tresen war schon immer so“, sagt die resolute Frau, die für ihre Kunden auch immer einen Bonbon parat hat. Denn die sollen sich „hier zu Hause fühlen“.

 „Als wir anfingen, hatten wir kaum Konkurrenz“, sagt Annelies Voß, die die heutige Situation eher als „David gegen Goliath“ beschreibt. Dagegen setzt sie die Freundlichkeit und Sorgfalt ihrer Mitarbeiter. Und inzwischen kämen schon die Kinder ihrer Stammkunden zu ihr.

 Eine Frau in diesem Metier war 1936, als sie als Lehrling im Geschäft ihres Vaters in der Langen Reihe begann, eher ungewöhnlich. „Ich war ein Wesen, das nirgends hinpasste“, meint sie rückblickend. Als ihr Vater in den Krieg eingezogen wurde, führte sie die Firma, die schon damals Autoteile Blöcker hieß, weiter – bis sie ausgebombt wurde. Danach arbeitete Annelies Voß vier Jahre bei Bosch und Mercedes. „Ich musste ziemlich kämpfen, dass ich anerkannt wurde“, sagt sie. Dennoch, angebotene Jobs wie den einer Sekretärin bei Edeka, schlug sie aus. Stattdessen baute sie 1948 gemeinsam mit ihrem Vater das Geschäft wieder auf. 1960 verkauften sie den Laden und zogen an den Wall 30. „Ich habe mich nicht mit dem Buchhalter vertragen“, sagt sie mit einem Hauch von Ironie, der viele ihrer Antworten begleitet. Denn um fast 80 Jahre in so einem Geschäft bestehen zu können, braucht es vermutlich eine gesunde Mischung aus trockenem, norddeutschen Humor und spröder Herzlichkeit, die Annelies Voß auszeichnet. Seit 1974 führt sie den Laden allein – bis heute.

Arbeit bringt noch immer Spaß

 „Bis abends um 19 Uhr heiße ich Blöcker und nachts dann Voß.“ Sätze wie dieser drücken ihre Verbundenheit mit dem Geschäft aus und ihre Einstellung dazu. „Was soll ich zu Hause, ich habe keine Kinder und keinen Mann mehr. Außerdem bringt die Arbeit Spaß.“ Dennoch spricht sie immer wieder von ihren Jungs und meint damit die vier Männer im Verkauf. „Die bemuttern mich wirklich“ – und sie ihre Jungs. „Ich kriege sie noch satt“, heißt das bei Annelies Voß. Und wie sehen die vier Männer ihre Chefin beziehungsweise „Mutter“? Hart, aber gerecht, dynamisch und interessiert, zielstrebig und bestimmend, mütterlich-führsorglich und forsch – das sind die Eigenschaften, die Annelies Voß von „ihren“ Jungs zugeschrieben werden.

 Zwei davon, Thomas Möhrke und Torsten Borgstahl, sind schon mehr als 30 Jahre an ihrer Seite. Für Annelies Voß, die die meiste Zeit ihres Lebens im Geschäft verbracht hat, bedeuten sie so viel wie die Familie. Und weil das so ist, wollte sie ihnen den Laden auch schenken. Nur konnte man ihr diesbezüglich bei einem Beratungstermin in der IHK nicht weiterhelfen. „Da habe ich halt eine GbR gegründet“, lautete ihre Lösung.

 Manchmal braucht auch sie ein wenig Abstand vom Geschäft – ein wenig. Dann fährt sie mal eine Woche nach Sylt. Nicht zu weit weg, versteht sich – für alle Fälle, falls sie gebraucht wird. „Meist holen die mich Donnerstag dann schon zurück“, sagt sie und fügt mit lausbübischer Miene hinzu: „Aber das ist doch besser, als wenn die sagen würden: Hauptsache, die Alte ist weg.“

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