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Der Galerist des guten Geschmacks

Serie: Kieler Originale Der Galerist des guten Geschmacks

Er ist ein Kieler Original: Michael Rieckhof schlägt beim Herrenausstatter Kelly’s in der Dänischen Straße in Kiel die Brücke zwischen Stil und Style.

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Spieglein, Spieglein an der Wand: Michael Rieckhofs Erfolgsgeheimnis könnte darin bestehen, dass er den Gentleman und den Hipster in sich vereint.

Quelle: Ulf Dahl

Kiel. „Geben Sie mir noch drei Minuten?“ Michael Rieckhof sitzt am Schreibtisch seines Geschäfts und bespricht am Telefon die Details eines Maßanzugs. Die Schultern des Kunden fallen ganz leicht nach vorne – das müsste man ausgleichen. Und dann wäre da auch noch die Nackenfalte. Man käme sich taktlos vor, würde man dieses vertraulich wirkende Feintuning weiter belauschen. Also begibt man sich ins Innere von Kiels legendärem Herrenausstatter Kelly’s in der Dänischen Straße. Vorbei geht es an bunten Regenschirmen, geblümten Einstecktüchern, feinen Hemden und glänzenden Ledergürteln. Und dann ist man im Herzen des seit 1970 bestehenden Geschäfts angelangt, wird umringt von einer Unmenge erhabener Anzüge und kommt sich vor wie in einer Galerie des guten Geschmacks.

 Michael Rieckhof passt in diese Welt, in der er seit 1984 wirkt. Damals kam er von Hamburg nach Kiel, hatte zuvor in der Hansestadt bei dem ebenfalls legendären Herrenausstatter Braun gearbeitet sowie die elterliche Hoffnung enttäuscht, er würde einmal das familieneigene Damenbekleidungsgeschäft in Nienburg an der Weser übernehmen. „Es war zwar schon bei meiner Geburt beschlossene Sache, dass ich einmal in der Textilbranche arbeiten würde“, sagt der Kaufmann, der im November dieses Jahres seinen 55. feiern wird. „Aber als ich nach meiner Lehre vor der Entscheidung stand, den elterlichen Betrieb in dritter Generation weiterzuführen, waren meine Zweifel an der Zukunft eines kleinstädtischen Standorts zwischen Hannover und Bremen zu groß.“ Der Sohn sollte recht behalten, und die damalige Enttäuschung des Vaters verwandelte sich beizeiten in Erleichterung.

 Umgekehrt wurde in Kiel schnell klar, dass Michael Rieckhof einmal der Nachfolger von Hans-Karl Capelle werden würde, der den an Gene Kelly angelehnten Spitznamen Kelly seinem Talent als Tänzer verdankte. „Man muss ganz ähnlich ticken, aber zugleich vollkommen anders sein“, beschreibt der ehemalige Angestellte sein Rezept, in die und aus den Fußstapfen seines schillernden Vorgängers zu treten. Als er das Geschäft 1997 übernahm, war ihm klar, dass er dessen Mahagoniholz-Interieur ebenso bewahren würde wie den schweren Schottenteppich. Zu seinen drei festen Mitarbeiterinnen pflegt Rieckhof ein familiäres Verhältnis. Nur beim Umgang mit den zeitwidrigen Kugellampen mahnt er sie streng zur Vorsicht. Es gibt nämlich nur noch einen letzten Ersatz. Viele der Marken, für die hier auf schönen Plakaten geworben wird, existieren gar nicht mehr – oder zumindest nicht mehr an diesem Ort: „Die Seele des Ladens bestand schon immer darin, dass wir uns nicht für bestimmte Marken interessiert haben, sondern immer nur für die Marke Kelly’s selbst“, bekennt ihr leibhaftiger Verkörperer.

 Um dieser auf den Grund zu kommen, darf man im Geiste einmal das tun, was sonst das Privileg des Herrenausstatters ist: Mustert man Michael Rieckhof von Kopf bis Fuß, sieht man sich natürlich einem Gentleman im eleganten Sakko gegenüber, dessen Krawatte auf eine Weise mit dem Licht spielt, wie es nur bei entsprechenden Seidenqualitäten gelingt. Zugleich sitzt hier aber auch ein Hipster in Jeans und Sneakern, der an seinem Arm statt einer Automatikuhr eine Apple Watch und ein derbes Leder-Armband trägt. Eine seiner wichtigsten Aufgaben sei es, sagt Rieckhof, durch die Welt zu reisen und nach Produkten zu suchen, hinter denen wirkliche Geschichten stehen. Stil und Style schließen sich dabei nicht aus.

 Dass daneben das Feintuning von Maßanzügen zu seinen Hauptbeschäftigungen zählt, hängt auch damit zusammen, dass er heute einige Stoffe selbst einkauft und dadurch den Einstiegspreis auf Konfektions-Niveau gesenkt hat: „Und wenn der Kunde erst einmal gemerkt hat, wie gut ein Anzug sitzen kann, dann bin ich ein bisschen wie der Heroin-Dealer, von dem man nicht mehr loskommt.“

 Für all das bedarf es einer 80-Stunden-Woche. Doch natürlich setzt Michael Rieckhof auch diesbezüglich auf Understatement. Wenn er am Morgen mit seinem Old-School-Fahrrad samt Parson Russell Terrier Luzie durch die Dänische Straße radelt, wirkt das Bild idyllisch. Zugleich aber kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass der Tag hier erst mit seiner Ankunft richtig beginnt.

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