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Die kleine Kneipe in unserer Straße

Serie „Kieler Originale“ Die kleine Kneipe in unserer Straße

In einer neuen Serie stellen wir Ihnen Kieler Originale vor. Am Montag: Uwe Bluhm von den „Übersee-Stuben“ in der Eckernförder Straße 72. Er ist nicht nur für seine Gäste ein echtes Original.

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Der Promi, den keiner kennt

Seit 32 Jahren steht er hinterm Tresen der „Übersee-Stuben“: Gastwirt Uwe Bluhm schätzt seine Stammgäste – und sie ihn.

Quelle: Uwe Paesler

Kiel. Wer auf dem Westufer eine ehrliche Kneipe sucht, geht zu Uwe. Nicht in die Übersee-Stuben, wie es an der Fassade in der Eckernförder Straße 72 steht. Zu Uwe. Denn bei Uwe Bluhm, der das Bierlokal mit seiner Frau Maren führt, gibt es weder ein Lesegerät für EC-Karten noch eine elektronische Kasse. Vor allem gibt es keinen Schnellzapfhahn. „Ein guter Wirt muss vernünftiges Bier einschenken“, sagt er. Also bekommt ein Bier hier seine fünf bis sieben Minuten. Die Stammkundschaft, zu der auch immer mehr Studenten zählen, weiß das zu schätzen.

 Als Uwe Bluhm das Lokal vor 32 Jahren von seiner Mutter übernahm, ließ er zwei Fenster zum Clubraum einbauen und den Tresen seinen Standort ändern. Ansonsten scheinen Hektik und Neuerungen hier ausgeschlossen. „Stammplätze gibt es hier nicht“, sagt der 71-Jährige. „Aber jeder hat seinen festen Platz.“ Es gibt auch kein Rauchverbot. Während das Gespräch am Tresen bei Bier, Schnaps und Zigaretten von der alten Straßenbahnlinie 4 über die Zubereitung von Rotbarsch, Dorade und Butt bis hin zu Aktienkursen plätschert, steht Uwe am altehrwürdigen 0,7-Bar-Zapfhahn, kreiert Schaumkronen und führt Strichlisten auf gelben Kassenzetteln. Ab und zu bereichert er, eine Zigarre in der Hand, den Tresen-Schnack mit einem Satz. Mal gewitzt, mal ernst. Und manchmal erzählt er einen Schwank aus seinem Leben als Wirt, für das der gelernte technische Zeichner und Maschinenbautechniker eine Anstellung bei den Stadtwerken aufgab.

 „Ich wollte selbstständig sein“, sagt er, der im elterlichen Lokal als Urlaubsvertretung das Gastronomen-Einmaleins lernte. Die Nachkriegs-Wirren hatten die Familie von Burg auf Fehmarn nach Leppin und schließlich nach Kiel geführt. Sein Vater, einst Funkoffizier bei der Kriegsmarine, wurde Fischer. Seine Ferien verbrachte Uwe deshalb auf Dampfern, fuhr zum Rotbarschfischen bis nach Island. Die Eltern eröffneten ihre erste Gaststätte „Zur Fähre“ dort, wo heute das Terminal der Stena Line ist. 1972 mussten sie der Schwedenfähre weichen. Die Geburtsstunde der Übersee-Stuben, die nach dem „Tucher Übersee“ benannt wurden, das damals vorwiegend ausgeschenkt wurde. Bevor Uwe den Laden übernahm, baute er sich ein Haus in Altenholz mit Kellerwerkstadt und Wärmedämmung. Alleine, ohne Architekt. „Die Zeichnungen konnte ich ja alle selbst anfertigen. Und es steht noch – wahrscheinlich besser als andere.“

 Uwe Bluhm ist kein Freund vieler Worte, aber ein aufmerksamer Zuhörer. Manchmal bleibt ein Rauchring sein einziger Kommentar. „Uwe ist herzlich zu seinen Gästen“, sagt Peter, der regelmäßig mit Freunden am Tresen Platz nimmt. „Das sind nicht nur meine Gäste, sondern auch Freunde geworden. Das ist schön“, sagt Uwe.

 Jedes Jahr organisiert Uwe Bluhm für den Herrenclub der Stammgäste am Himmelfahrtswochenende eine Reise. Seine Frau Maren übernimmt das für den Damenclub. Wie lange schon? Daran kann sich niemand erinnern. Lange. Ein DFB-Pokalfinale in Berlin war einst der Anlass. Als der Männerclub ankam, gab es keine Karten mehr. Das Wochenende sei trotzdem nett gewesen. Seitdem waren sie im Spreewald, auf Rügen, in Danzig und München, haben Oktoberfeste veranstaltet, in den Mai getanzt und Rosenmontag im nüchternen Norden gefeiert. „Wir zahlen immer gern die Zeche“, sagt Herbert. Und Uwes Namensvetter auf der anderen Seite des Tresens ergänzt: „Ich hab mein Geld bei Uwe angelegt.“ Uwe lässt einen Rauchring aufsteigen und sagt: „Das war eine gute Versorgung, oder?“

 Manchmal habe Uwe Bluhm seine Stammgäste zu später Stunde gefragt, ob sie kein Zuhause hätten. Die einhellige Meinung: „Wir sind doch schon hier.“

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