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Kieler Originale „In der Sporthalle bin ich glücklich“
Kieler Originale „In der Sporthalle bin ich glücklich“
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07:28 23.05.2016
Von Susanne Blechschmidt
Elke Engels Rückenschule bei der Ellerbeker Turnvereiningung von 1886 zieht noch bis zum Schluss zweimal pro Woche in vier Gruppen je 20 Sportler an. Quelle: Uwe Paesler

Hell leuchtet die naiv gemalte Ansicht von Alt-Kiel zwischen den roten Samtvorhängen auf. Nur ein Kreis blauer Turnmatten vor der Bühnen-Idylle verrät die wahre Bestimmung der Halle. „Hallohoo, es geht lohoos!“, ruft auch schon eine zierliche Frau mit mächtiger Stimme: „Ich hoffe, ihr habt alle ein kleines Handtuch mitgebracht.“ Der vertraute Griff zum Rekorder, und los geht’s mit humba-humba- und yeah-yeah-trächtigen Songs, zu denen sich 15 Frauen und vier Männer mit auf der Stelle warmlaufen. 44 Jahre lang hat Gymnastiklehrerin Elke Engels beim ETV ihre Stunden so oder ähnlich anmoderiert – am Dienstag, 31. Mai, soll es das letzte Mal sein. Dann geht eine Kieler Institution aus dem Sport in Ruhestand.

 Tausende von Menschen seien in den 44 Jahren bei der ETV, den fünf Jahren davor im Wellingdorfer Turnverein oder noch früher beim Kieler Turnerbund Brunswik durch ihre Schule gegangen. „Mit 48 Leuten fing ich an und hatte in kürzester Zeit 600 bis 700“, berichtet sie, „Gott sei Dank hat die ETV dann gebaut!“ Doch das ist nun Vergangen und eine lange Ära geht zuende, in der Elke Engels sich nicht nur in Kiel einen Namen gemacht hat, sondern auch mit „30 Jahren Gymnastik, Tanz und Gesundheitssport auf Kreisebene“ oder „14 Jahre lang als Übungsleiterin an der Landesturnschule in Trappenkamp“ und auch auf Bundesebene. Immer mit dem Anspruch „nass aus der Halle gehen!“.

 Besonders gut in Erinnerung sind die eher bunten Veranstaltungen geblieben wie die Vorführungen bei den Internationalen Gymnastiktreffen zur Kieler Woche. Oder die vielen Gymnastikstunden mit Pianist Otto Kuhrs, der jahrelang live zum Unterricht spielte. Etliche Schlagzeilen wie „Elke Engels reißt alle mit“ oder „Zukunft der Gymnastik“ standen in jener Zeit in den Kieler Nachrichten, „Das alles war mein Leben“, bekennt die ausgebildete Gymnastiklehrerin, die ihr Fach „von der Pike auf gelernt hat“. Aber da gab es auch noch den vor 34 Jahren von ihr gegründeten Kegelclub „Die blauen Engel“, zahlreiche Basare für die Abteilungskasse oder die Radtouren als „Ellerbeker Bandwurm“. Der Schritt, das alles zu beenden, sei ihr nicht leichtgefallen, so die 78-Jährige, „aber man muss aufhören, bevor die Einbrüche kommen“.

 Bis zum heutigen Tag hat Elke Engels noch zweimal pro Woche mit Rückenschule und Fitness rund 80 Sportler in vier Gruppen trainiert. So wie jetzt, an einem der letzten Nachmittage bei der ETV. „Nun die Handtuchrolle hoch und runter. Viermal noch bitte – weiter, weiter!“, ermuntert sie ihre Gruppe. „Schönen Dank, und jetzt setzt euch bitte auf die Stühle!“ Nun sollen die schon nicht mehr ganz jungen Sportler Spannung aufbauen. Erst wird das Tuch gegen den Hinterkopf und dann umgekehrt der Kopf in das Tuch gedrückt. „Schließt ganz langsam vorne die Ellbogen. Und denkt dran, die Schulterblätter müssen runter!“, lauten die präzisen Anweisungen. Bei den Teilnehmern wird geschnauft, gekichert und gewitzelt „und jetzt trockenrubbeln...“.

 „Einige sind von Anfang an dabei. Leute, die mit mir alt geworden sind“, sinniert Elke Engels später. Und der Weg war nicht leicht für die jüngste Tochter von drei Kindern einer Kriegerwitwe. Sie musste sich durchbeißen für ihr persönliches Credo „In der Sporthalle bin ich glücklich.“ Doch andere Frauen halfen ihr dabei. Käthe Schmidt-Sohnemann zum Beispiel, Olympiasiegerin 1936 im Zwölfkampf der Turner und anerkannte „Kapazität in Kiel“ habe sie nach der Mittleren Reife an der Goetheschule und später Fachhochschulreife auf den Weg gebracht. „Nachdem ich einige Wettkämpfe gewonnen hatte, sagte sie zu mir: Bleib am Ball! Dann hat sie mich mit in den KTB mitgenommen“. Oder Grete Denker, die mit Bällen, Reifen und Keulen in der Halle hantierte. Auch sie sagte: Du musst zu uns kommen!“

 Doch von nun an soll nicht mehr die Gymnastik die erste Geige im Leben von Elke Engels spielen, sondern der Ehemann, mit dem sie seit 55 Jahren verheiratet ist. Und der 2000 Quadratmeter große Garten. „Wir bauen alles selbst an. Es gibt nichts, was wir nicht haben. Ich höre jetzt vor allen Dingen auf, weil mein Mann mich da braucht“. Nach den Kartoffeln sind jetzt die Aussaaten dran, das Rasenmähen, das Gewächshaus und der Teich. „Das ist unser gemeinsames Hobby. Und wir wollen uns gesund ernähren. Das ist oberstes Gesetz.“

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