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„Meist bin ich da einfach reingerutscht“

Serie: Kieler Originale „Meist bin ich da einfach reingerutscht“

Wer Dagomar Heinz besucht, muss Zeit mitbringen. Der 72-Jährige hat viel zu erzählen. Von seiner Zeit an der Max-Planck-Schule, dem Schach-Verein, dem Politikum, dem Theaterspielen oder seinen Bienen. „Meist bin ich da einfach reingerutscht“, sagt der Mann mit den grau-melierten Locken über seine vielen Aktivitäten, während er eine weitere Kanne Tee aufgießt. Wenn es um sein vielfältiges Engagement geht, ist der pensionierte Gymnasiallehrer bescheiden. Zu bescheiden, sagen ehemalige Schüler.

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Erinnerungen bei einer Tasse Tee mit einem Löffel Honig von den eigenen Bienen: Der penisonierte Gymnasiallehrer Dagomar
Heinz war immer froh, dass was passierte.

Quelle: Uwe Paesler

Kiel. Den chronologischen Anfang dieser Aktivitäten kann man wohl bei der Schach-AG an der Max-Planck-Schule setzen. „Ich bin von einem Kollegen angesprochen worden, ob ich nicht Lust hätte, die AG zu leiten“, erinnert sich Dagomar Heinz. Das war 1975, ein Jahr war der gebürtige Itzehoer zu diesem Zeitpunkt schon Lehrer an dem Kieler Gymnasium. „Für mich war Schach immer ein Gesellschaftsspiel, ein Brettspiel, das Spaß macht.“ Schon als Kind habe er gegen seinen Vater und seinen Bruder gespielt. Deshalb habe er „Ja“ zur Schach-AG gesagt. Schnell habe sich die AG dann verselbstständigt. „Mir war der Wettkampfgedanke beim Schach eigentlich fremd. Aber die Schüler haben den schnell mit eingebracht.“ Viele Schulen in Schleswig-Holstein hätten zu diesem Zeitpunkt Schach-AGs gehabt, gegen die die Max-Planck-Schule gespielt hat. „Und schon waren wir mitten drin im Wettkampfgeschehen“, erinnert sich Dagomar Heinz. Seitens der Schüler sei dann Ende der 80er-Jahre die Idee aufgekommen, einen Schach-Verein zu gründen. Wieder sei er nur gefragt worden, ob er dabei hilft, erzählt Heinz, wieder sei er nur reingerutscht. „Die brauchten ja einen Erwachsenen für die offizielle Gründung.“

 1990 sei der Schachverein „Meerbauer“ entstanden. Die Mehrheit der Mitglieder sei zwischen zehn und 20 Jahren alt gewesen, das Vereinsleben deswegen dynamisch und aufregend, erinnert sich Heinz. „Die Schüler haben unterein-ander viele neue Mitglieder geworben. Irgendwann waren wir der zweitgrößte Schachverein Deutschlands.“ 218 Mitglieder hätten sie gehabt, deutschlandweit an Turnieren teilgenommen und für Schachbegeisterung unter den Kieler Jugendlichen gesorgt. Doch mit den Jahren habe sich der Verein verändert, 2004 verließ Dagomar Heinz „Meerbauer“, dessen stellvertretender Vorsitzender er sechs Jahre lang war. Gern erinnert er sich nicht an diese Endphase der Vereinsgeschichte, in der es innerhalb des Vorstands zu heftigen Streitereien kam. Inzwischen existiert der SC Meerbauer nicht mehr, er hat sich der Kieler Schachgesellschaft angeschlossen. „Der Verein ist dann einfach sang- und klanglos untergegangen. Dabei war der ein Lottogewinn, so etwas kommt nur ein Mal vor.“

 Die andere große Hinterlassenschaft von Dagomar Heinz existiert dagegen noch heute an der Max-Planck-Schule: das Politikum. Eine AG, in der politische und historische Fragen diskutiert wurden. „Wir hatten den Grundsatz, dass niemand ausgeschlossen werden sollte, weil er Dinge nicht wusste. Es konnten und sollten auch Schüler kommen, die völlig unbeleckt waren.“ Entstanden war das Politikum aus den Vorbereitungen für eine Ausstellung zum 40-jährigen Bestehen des Grundgesetzes 1989. Wieder habe er nicht „Nein“ sagen können, als die Schüler ihn zur Gründung der AG gedrängt haben. „Im Grunde haben sich die Schüler um alles gekümmert. Da ist eine tolle Gruppe zusammengewachsen“, erinnert sich Heinz. Außer an den regelmäßigen Treffen haben die AG-Mitglieder jährlich an dem von der Landeszentrale für politische Bildung initiierten Seminar „Politik Persönlich“ teilgenommen, das an einem Wochenende Schüler und einen Landtagsabgeordneten zusammentreffen und miteinander ins Gespräch bringt. „Diese Idee ist unübertrefflich“, findet Dagomar Heinz noch heute.

 Inzwischen ist der ehemalige Geschichts- und Deutschlehrer seit sieben Jahren pensioniert. Die Schule vermisst er bisher nicht. „Es ist eigentlich nicht schlecht, raus zu sein“, sagt er schmunzelnd. Genug zu tun hat Dagomar Heinz weiterhin: Er spielt Laientheater in Raisdorf, hat seit fast 20 Jahren Bienen im eigenen Garten, von denen er allein in diesem Jahr rund 200 Gläser Honig geerntet hat und seit einigen Jahren ist er in der Schulschachinitiative Kiel aktiv. „Einmal monatlich veranstalten wir ein Turnier für Kinder, das KJUST (Kieler Jugend- und Schulschachturnier). Das bedeutet den Kindern viel, und auch mir liegt das sehr am Herzen.“ Und: Auch hier sei er wieder einfach reingerutscht, sagt er lächelnd. Warum hat er denn nie „Nein“ gesagt, als er gefragt wurde? „Dann hätte es vieles wahrscheinlich nicht gegeben“, überlegt Dagomar Heinz. „Außerdem war ich ja froh, dass was passierte. Und heute bedeuten mir diese Erinnerungen sehr viel“, sagt Dagomar Heinz und schenkt sich eine weitere Tasse Tee ein, mit einem Löffel Honig von den eigenen Bienen.

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Ein Artikel von
Anne Steinmetz
Lokalredaktion Kiel/SH

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