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Kieler Originale „Ohne Lars geht hier gar nix“
Kieler Originale „Ohne Lars geht hier gar nix“
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08:32 02.06.2016
Von Kristiane Backheuer
Seit 23 Jahren ist Lars Diesing hier der Herr über Zigaretten, Zeitschriften und Co. und die gute Seele des Stadtteils am Südfriedhof. Quelle: Thomas Eisenkrätzer

Richtig interviewen kann man Lars Diesing eigentlich nicht. Denn es ist ständig was los. Eine Kundin kauft zwei Brötchen und erzählt, dass sie nach Rügen fährt. Gleich darauf verkauft er mit einem flotten Spruch auf den Lippen zwei Handwerkern einen selbst gebrühten Kaffee zum Mitnehmen. Bedient wenig später am Lotto-Tresen eine Kundin, die für die nächsten zwei Wochen tippt. „Wir fahren weg. Denk’ dran, dass wir dann nicht mehr die Hannoversche Allgemeine brauchen“, sagt sie. Bei Lars Diesing ist der Kunde König. Auf Wunsch bestellt er fast alles.

„Ich liebe meine Kunden“, sagt er in einer kleinen Pause. „Deshalb halte ich durch.“ Reich werde man mit einem Kiosk nicht. Als er vor 23 Jahren den Laden übernahm, sei es noch ganz gut gegangen. „Da gab es noch nicht so viele Läden drumherum. Jetzt sagt mir mein Steuerberater schon seit Jahren: Lars, such’ Dir endlich einen anderen Job.“ Aber noch will er seinen kleinen Tante-Emma-Laden und die vielen netten Kunden nicht aufgeben. Seit frühester Kindheit ist ihm die Ecke vertraut. Damals wohnten seine Großeltern ein paar Straßen hoch und der Kiosk in der Jeßstraße war noch eine Drogerie. Erst 1982 eröffnete ihn Helga Prien.

Aufgewachsen ist Lars Diesing in Fiefbergen. Er lernte Groß- und Außenhandelskaufmann, ging vier Jahre zur Bundeswehr und wollte sich dann selbstständig machen. Nur womit? „Mein Vater hörte dann, dass der Kiosk zum Verkauf stand“, erzählt er. Nach einem Probepraktikum war klar: „Den übernehme ich.“ Im Oktober 1993 stand er zum ersten Mal als Chef hinter dem Tresen. Inzwischen kennt er fast jeden aus dem Stadtteil. Wenn jemand länger nicht da war, klingelt er auch schon mal an der Haustür und fragt, ob alles in Ordnung ist. Das erfährt die Reporterin aber erst von den Kunden, denn Lars Diesing ist viel zu bescheiden, um sich ins Rampenlicht zu stellen. „Ohne Lars geht hier gar nichts“, sagt Birgit Münster (57), die Künstlerin ist und gleich um die Ecke wohnt. „Lars und sein Kiosk sind unverzichtbar für alle. Er denkt an jede Kleinigkeit und kümmert sich. Ist jemand krank, bringt er ihm die Sachen nach Hause. Kommen ältere Menschen auf einen Kaffee vorbei, stellt er ihnen einen Stuhl hin. Und er hat immer ein offenes Ohr.“

Der soziale Kitt am Südfriedhof

Als der nächste Kunde den Kiosk betritt und erfährt, dass Lars Diesing mit einem Artikel in die Zeitung kommt, ist er begeistert. „Lars und sein Lottoladen sind der soziale Kitt am Südfriedhof. Er ist immer nett und für einen Klönschnack zu haben. Das schreiben Sie mal“, sagt er und bezahlt seine Zigaretten. Lars Diesing bedient schon weiter. In der kleinen Naschi-Ecke packt er lose Salz-Diamanten, Saure Zungen und Gummigespenster in eine Tüte und überreicht sie einer jungen Frau. Die ersten zehn Jahre halfen ihm Mutter Antje und Schwester Anja. Später Studenten aus dem Viertel und sein Vater mit neuer Lebenspartnerin. Inzwischen hat er zwei Angestellte. „Ein echter Glücksfall“, sagt er aufatmend. „Die kommen beide hier aus der Gegend und gehen toll mit den Kunden um.“ Vor zwei Jahren leistete er sich seit Langem mal wieder für zwei Wochen Urlaub in Griechenland. „Ich brauchte mal Abstand. Würde ich all meinen Urlaub der letzten 20 Jahre zusammenrechnen, käme ich nicht mal auf ein Vierteljahr.“ Doch nicht nur das Reisen leide unter seiner Selbstständigkeit, auch die Freizeit. „Ich habe leidenschaftlich gerne Fußball gespielt“, sagt der Bayern-Fan. „Aber vor 19.30 Uhr komme ich hier gar nicht raus. Da hat das Training schon längst angefangen.“ Sportlich ist er aber immer noch. Vor ungefähr einem Jahr kam ein Räuber in seinen Laden. Mit dem Satz: „Wir haben hier kein Geld“ und einem kräftigen Schubs, jagte er ihn in die Flucht. Mit einem Sprint und der Hilfe von Stammkunden konnte er ihn zwei Straßen weiter stellen.

Auch die Liebe blieb durch den Beruf häufig auf der Strecke. „Zwei Beziehungen scheiterten am langen Arbeitstag“, sagt er. Schon morgens um 5.30 Uhr geht es los. Dazu kommt der Einkauf der Waren, die Vorbereitung der Buchhaltung, die Kassenpflege. „Inzwischen lebe ich aber in einer sehr glücklichen Partnerschaft. Bettina ist Krankenschwester und kennt Schicht- und Wochenenddienste. Das klappt“, sagt er lächelnd. Ob er bis zum Ruhestand weitermacht? Er überlegt lange: „Ich würde gerne. Aber ich glaube, das halte ich gesundheitlich nicht durch.“ Noch aber steht die Tür seines Ladens sperrangelweit offen, und das bunte Stadtteilleben kann eintreten.

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