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Das bittere Ende einer kurzen Amtszeit

Kieler Steuer-Deal Das bittere Ende einer kurzen Amtszeit

Susanne Gaschke ist am Montag für einen letzten Auftritt ins Rathaus gekommen. Um Punkt 12 Uhr beendete sie ihren Ausflug in die Politik. Fehler räumte Kiels scheidende Oberbürgermeisterin nur am Rande ein.

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Nach dem Rücktritt: Susanne Gaschke verlässt mit ihrem Mann Hans-Peter Bartels (links) und Anwalt Gerald Goecke (2. von links) das Rathaus.

Quelle: dpa

Aus und vorbei. Es ist 8.25 Uhr. Es regnet in Strömen, als Susanne Gaschke auf die Straße tritt. Sie hat sich schick gemacht, hält Akten im Arm, setzt ein Lächeln für den Fotografen auf und wünscht dem Fahrer ihres Dienstwagens einen „schönen guten Morgen. Merkwürdig gelöst wirkt die Verwaltungschefin – fast so, als freue sie sich auf diesen Tag.

 Drei Wochen lang war die Oberbürgermeisterin krankgeschrieben. Ihre Bandscheibe quälte sie. Aber nicht nur die. Die Vorwürfe gegen sie waren nicht weniger geworden in dieser Zeit. Die Kommunalaufsicht im Innenministerium hatte ihre Eilentscheidung, mit der sie dem Augenarzt Detlef Uthoff einen Millionenbetrag erlassen hatte, erst vergangenen Mittwoch als komplett rechtswidrig eingestuft. Unaufhaltsam bröckelte die Unterstützung innerhalb der Kieler SPD. Spätestens seit Ende vergangener Woche war klar: Susanne Gaschke würde nicht weniger als ein Wunder brauchen, um das Amt zu verteidigen, das sie so sehr gewollt hatte und das sie dennoch an den Rand ihrer physischen und psychischen Grenzen gebracht hatte.

 Um 9.25 Uhr verschickt das Presseamt der Stadt Kiel eine Presseeinladung, die dreimal mit „Eilt!“ überschrieben ist. Susanne Gaschke möchte sich um 12 Uhr vor ihrem Amtszimmer im Rathaus „zu aktuellen politischen Fragen“ äußern, heißt es darin. Es ist die Einladung für einen letzten, kurzen Auftritt. Immerhin: Die 46-Jährige, die später von einer „Hetzjagd“ sprechen wird, will das Heft des Handelns in die Hand nehmen, solange es noch geht. Diese letzte Entscheidung will die Oberbürgermeisterin selbst verkünden – bevor die Ratsversammlung sie am Donnerstag zum Rücktritt auffordern kann oder womöglich ein Abwahlverfahren einleitet. Und sie will es noch einmal all jenen zeigen, die ihr das Amt nie so recht zugetraut haben.

 High noon im Rathaus. Journalisten aus dem ganzen Land warten in der Rotunde auf den Auftritt. In der Galerie haben sich Mitarbeiter des Rathauses versammelt. Auch sie wollen hören, was die Chefin zu sagen hat. Gaschke hat eine vierseitige Erklärung vorbereitet (siehe rechts), in der sie ihren Rücktritt erklärt. Ganz anders als bei ihrer Rede im August, als sie den Tränen nahe war, hat sie sich nun unter Kontrolle. Doch so aufgeräumt sie noch am Morgen wirkte, so verbittert und anklagend klingt sie jetzt.

 Die Rede gleicht einer Generalabrechnung. Ganz gewiss habe sie auch Fehler gemacht, räumt sie ein. Doch die hätten die Menschen ihr wohl verziehen. Dass sie zurücktrete, liege vielmehr an den „politischen, persönlichen und medialen Angriffen“, an den „testosterongesteuerten Politik- und Medientypen“ und an „politischen Gegenkräften“, die ihren Politikansatz nicht dulden wollten. Knapp zehn Minuten spricht die Oberbürgermeisterin. Auf den sonst üblichen Dank an die Mitarbeiter der Verwaltung, an deren Spitze sie stand, verzichtet sie. Am Ende gibt es einen kurzen Applaus. Dann schließt sich die schwere Tür des Büros hinter Susanne Gaschke wieder, die keine Fragen beantworten will.

 Aus und vorbei? Nicht ganz. Ihr Anwalt Gerald Goecke ist geblieben. Ihn wird sie noch brauchen. Das gegen sie angestrengte Disziplinarverfahren hat sich mit dem Rücktritt zwar erledigt. Doch die staatsanwaltlichen Ermittlungen wegen des Verdachts der Untreue laufen weiter. Auch der Vorwurf, Gaschke und ihr Eheman, der SPD-Bundestagsabgeordnete Hans-Peter Bartels, hätten versucht, die Kommunalaufsicht zu beeinflussen, ist nicht aus der Welt. Goecke ist im Gespräch die Zuversicht in Person. Die Bewertung der Kommunalaufsicht sei „mangelhaft“, sagt er und kündigt an, ein „rechtliches Feuer“ zu entfachen. „Wenn Herr Uthoff dann darauf sein Süppchen kocht, kann ich es nicht verhindern“, erklärt der Anwalt.

 Gaschke verlässt das Rathaus kurze Zeit später. Ein Mittagessen mit Mann und Familie im „Längengrad“ ist noch geplant. Doch ein schöner Tag wird es nicht mehr in Kiel. Der Herbststurm setzt dem Gebäude direkt am Hafen derart zu, dass die Gäste gebeten werden, das Restaurant zu verlassen.

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Ein Artikel von
Bodo Stade
Stellvertretender Chefredakteur

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