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Krisenforscher analysierte Gaschke

Kieler Steuer-Deal Krisenforscher analysierte Gaschke

Was haben Susanne Gaschke und Franz-Peter Tebartz-van Elst gemeinsam? Die Krise. Und für beide dürften die Aussichten, sie zu überstehen, ziemlich schlecht sein. So jedenfalls sieht es Frank Roselieb vom Kieler Institut für Krisenforschung, das seit 15 Jahren sämtliche Krisen im deutschsprachigen Europa erfasst und analysiert.

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Frank Roselieb (44) ist geschäftsführender Direktor des Kieler Instituts für Krisenforschung.

Quelle: hfr

 Herr Roselieb, wie definieren Sie überhaupt eine Krise?

 Die definiere nicht ich, sondern das hat im Jahr 2002 die EU getan. Von einer Krise reden wir dann, wenn durch ein internes oder externes Ereignis Mensch oder Tier, die Umwelt, die Reputation oder Vermögenswerte in Mitleidenschaft gezogen werden.

 Die Verantwortlichen scheinen trotz dieser klaren Definition oft eine ganz andere Sicht auf die Dinge zu haben.

 Das stimmt. Häufig nehmen die Betroffenen überhaupt keine Krise wahr, sehr wohl aber ihr Umfeld. An Oberbürgermeisterin Gaschke und Bischof Tebartz-van Elst prallte erst alles ab, bis dann die SPD und im anderen Fall die katholische Kirche in helle Aufregung gerieten.

 Nun hat Frau Gaschke also die Krise. Was für eine eigentlich?

 In der Diagnose unterscheiden wir zwischen Compliance-Verstößen, also der Verletzung von Gesetzen und Regeln, und dem Skandal, bei dem ein Verhalten zwar regelkonform sein kann, aber als unmoralisch betrachtet wird. Das mit Frau Gaschke riecht ganz stark nach Compliance-Fall. Wenn das Finanzamt Kiel-Nord sagt, bei dem Steuerschuldner sei genug zu holen und die Kommunalaufsicht die Eilentscheidung als falsch einstuft, spricht das eine sehr deutliche Sprache.

 Nachdem dann das Kind in den Brunnen gefallen war, wie hätte Frau Gaschke besser reagieren können?

 Fast in jeder Hinsicht. Ihren Fehler hätte sie ganz klar und in der breiten Öffentlichkeit benennen und gleichzeitig eine nochmalige Prüfung der Angelegenheit ankündigen müssen. Stattdessen beharrte sie auf der Richtigkeit ihrer Entscheidung, sprach von Kampagne und Verschwörungen. Gerade der Verweis auf Verschwörungen ist ein sehr typischer Fehler und entspricht nachweislich fast nie der Wahrheit.

 Was müsste passieren, damit die Oberbürgermeisterin diese Krise am Ende übersteht?

 Erst muss sich die Betroffene fragen, wo sie insgesamt steht. Der Bischof etwa gehört einer Kirche an, von der die Leute sagen, dass sie ja auch viel Gutes tue. Auch Politiker, die echte Verdienste vorzuweisen haben, werden nicht gleich von der erstbesten Krise hinweggefegt. Wir sprechen dabei in der Wissenschaft von Reputationspolster. Das Problem bei Frau Gaschke ist, dass sie kaum welches hat. Sie ist eigentlich ein Niemand in der Politik, eine unbekannte Redakteurin einer bekannten Wochenzeitung.

 Wie lautet Ihre persönliche Prognose in dieser Angelegenheit?

 Es würde mich wundern, wenn sie im Amt bleiben könnte. Entweder sie tritt von sich aus zurück oder man wartet auf den nächsten Skandal und drängt sie dann aus dem Amt.

Von kleinen und von großen Krisen

Das Kieler Institut für Krisenforschung wurde vor 15 Jahren als „Spin-Off“ der Uni Kiel gegründet. Unter anderem berät es Firmen und Behörden im Umgang mit Krisen und listet in einem Krisennavigator jährlich etwa 250 bis 280 Krisen im deutschsprachigen Europa auf.

Die Zahlen sind seit Jahren konstant, wobei sich die Art der Krisen verändert. Operative Krisen von der Lebensmittelverunreinigung bis zum Störfall im Atomkraftwerk haben um etwa 30 Prozent abgenommen, dafür haben die kommunikativen Krisen, die auf dem falschen Umgang mit einem Problem beruhen,  in ähnlichem Ausmaß zugenommen. Die vermeintliche Schlangengrube Scheswig-Holstein ragt statistisch keineswegs negativ heraus, sondern entspricht nach Zahl und Ausmaß ihrer Krisen dem Durchschnitt. Als große Krisen macht das Kieler Institut jährlich etwa 50 Fälle aus. In diese „Spitzenklasse“ rutscht, wer es mit seiner Krise in große Nachrichtensendungen à la Tagesschau oder in überregionale Medien schafft.

Der im September zur Krise mutierte Fall Gaschke gehört dazu und weist noch in anderer Hinsicht eine Besonderheit auf. Während laut Institutsdirektor Frank Roselieb gut bewältigte Krisen nach durchschnittlich neun Tagen ausgestanden sind, dauert es bei weniger gut bewältigten 32 Tage. Das zeigt aus Sicht von Roselieb eindeutig, „dass es oft nicht so sehr auf das Problem ankommt, sondern auf den Umgang damit“.

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